Dritte Kasse bittä!

Schon lange freue ich mich darauf, über mein liebstes Geschäft zu schreiben. Kein Musikladen oder ein Fotofachgeschäft. – (Kunstpause)- Tengelmann!

Nirgendswo sonst hab ich so viele Skurriles oder Unglaubliches erlebt, wie in dem Supermarkt nahe an meiner Wohnung. Es sind dabei nicht die Produkte, die mich so faszinieren. Die sind vergleichsweise eher schwach. Nein. Es sind die Kunden!

Mein Geheimtipp: Gehen Sie kurz vor Ladenschluss, eine halbe Stunde reich meißtens aus, in einen eher kleinen Supermarkt. Sie werden merken: Sie sind nicht alleine im Geschäft. Natürlich nicht, weil sich jeder noch dringend für den Abend eindecken muss. Wenn ich sage „jeder“ dann meine ich das auch so. Jetzt nur nicht den Fehler machen und sich einschüchtern lassen. Es ist genug Platz für alle da – theoretisch. Es ist auch in Ordnung, wenn die anderen Kunden Sie unfreundlich, ja direkt feindselig anblicken. Hier herrscht schließlich Krieg, Krieg um Nahrung. Hier tobt der Kampf um das Überleben!

Die besten Episoden erlebt man allerdings an der Kasse. Dort drehen spätestens alle durch. Nur ich nicht. Ich stelle mich ruhig an der längsten Schlange an und schaue gespannt zu.

Die überforderte Kassiererin, eine junge Paktikantin, sitzt schwitzend am Laufband und versucht der Masse an Kunden, den zahllosen Mengen an Käse, Wurst, Bier, Klopapier und Tiefkühlpizzen Herr zu werden. Dabei erblickt sie die lange Schlange und spricht einen sehr bekannten Satz in das Mikrofon: „Dritte Kasse bitte!“ Es ist eher ein Betteln, ein Hilferuf. Als nach ein paar Augenblicken, die dritte Kasse immer noch unbesetzt ist und die Kunden, die sich geistesgegenwärtig schon an die freie Kasse gestellt haben, ihre Entscheidung bereuen, ergreift eine Frau die Initiative. Die massige Frau, sichtlich unausgeruht, dreht sich vor mir um und ruft laut und inbrünstig in den Laden: „DRITTE KASSÄ BITTÄ!“. Ich bin perplex und traue meinen Augen nicht. Diese Matrone steht nicht einmal an der noch freien Kasse. Sie ist die nächste Frau die bedient wird. Völlig selbstlos hat sie sich für die hilflosen anderen Kunden eingesetzt. Schön, dass es noch so etwas wie zivile Courage gibt.

Eine weitere Kundin stampft entrüstet in den Laden zur erstbesten Kassiererin. Sie beschwert sich. Ihr Brot sei verschimmelt. Daraufhin bleibt die schwer beschäftigte Kassiererin ruhig und signalisiert, dass sie zunächst einmal den Handwerker mit dem Bierkasten kassieren wird. Das lässt sich das Opfer der Schimmelware nicht gefallen. Sie fordert Wiedergutmachung und zwar sofort! Sie schleudert das Brot auf den Boden vor der Kasse und stampft mit rotem Kopf in den Laden, um sich ihr rechtmäßiges Brot zu holen. Wenn nötig mit Gewalt.

Ich bin leider mit meiner Einkaufstour am Ende und bedauere, dass ich den Laden mit all seinen Dramen und Tragöden verlassen muss. Außerdem bilde ich mir ein, meine Verkäuferin habe mich angeflirtet. Die merkt es halt noch, wenn ein anständiger Kunde vor ihr steht, denke ich mir, lächel dem Mann zu der gerade kopfschüttelnd in den Laden kommt und ziehe nach Hause.

Morgen geh ich wieder einkaufen.

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2 Gedanken zu “Dritte Kasse bittä!

  1. Toller Artikel! Ließt sich sehr flüssig, einfach von der Hand. Bitte bring ein Buch raus, deinen Schreibstil mag ich total gern :) Hast schon hiermit eine erste Vorbestellung!
    Liebe Grüße aus der Teestube
    Sebi

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