Meine Räder

Es folgt die große Familienaufstellung. (Stand: Februar 2019)

Normalerweise klammere ich Details zur Ausrüstung ja eher aus. Mich interessieren beim Radfahren mehr die Geschichten und Begegnungen, weniger die technischen Details. 

Warum ich jetzt trotzdem einen langen Artikel über meinen Fuhrpark verfasse? Nun ja: So, wie ich meine Räder beschreibe, lässt sich auch ein wenig mehr nachvollziehen, wie ich Radfahren für mich definiere. Außerdem ist es kalt da draußen und über meine schlotternden Kurzstrecken brauche ich diese Tage wirklich nicht berichten.

Angaben zu bestimmten Details wie Gewicht etc. wirst du hier vergeblich suchen. Solche Dinge würden mich selbst dann nicht interessieren, wenn ich Wettkämpfe gewinnen müsste, was ich sowieso nicht tue. Ich bin auch ganz klar kein Tester für Fahrradprodukte, sondern einfach ein Typ, der viel und gerne Fahrrad fährt und der dir hier zeigt, was er in seinem Fahrradkeller stehen hat.

Hinweis: Ich werde bei meiner Auflistung auch Namen von Herstellern nennen. So gesehen kann dieser Artikel auch als Werbung verstanden werden. Die Nennung von bestimmten Produkten ist dabei nicht bezahlt und spiegelt meine tatsächliche persönliche Meinung wieder. Vieles, was ich benutze, habe ich im Laufe der Zeit ausgetauscht und so meine Ausrüstung nach und nach verbessert.

Doch fangen wir an. Am besten autobiografisch.

Rad Nummer eins: Mein Alltagsrad. „Lafayette“

Lafayette ist ein etwa 30-40 Jahre alter Franzose aus dem Hause Motobecane. Gibt es die heute noch? Ich glaube nicht. Dieses Rad habe ich Ende 2014, also vor etwa vier Jahren, beim Fahrradflohmarkt gesehen und irgendwie gut gefunden. Auf diesem sitze ich fast jeden Tag. Ich nutze es auf meinem Weg in die Arbeit und durch die Stadt. Auch kleine Touren habe ich damit schon unternommen. Wenn ich als Fahrradkurier arbeite, dann meistens auch auf diesem.

In diesem Rad steckt wohl die meiste Zeit, die meiste Mühe und mittlerweile vermutlich auch das meiste Geld. 

Ich habe das Rad gleich zu Beginn zum Singlespeeder umgebaut, den ursprünglichen  Schwalbenlenker durch einen geraden kurzen „Besenstiel“ ersetzt. Gepäckträger und Schutzbleche mussten weg. Schickere Bremshebel mussten her. Das fand ich (damals) die einzige richtige Art, wie ein Rad auszusehen haben durfte. 

Im Laufe der Zeit habe ich natürlich noch einiges verändert. Ein Brooks-Sattel musste her, nachdem mir mein alter Sattel unter dem Hintern zerbrochen war. Außerdem wollte ich einen Frontgepäckträger. Auf diesen schwöre ich. Mit ihm habe ich nicht nur diverse Getränkekisten und Einkäufe, sondern auch schon kleine Möbelstücke durch die halbe Stadt gefahren. 

Als ich einen herrenlosen Nabendynamo von Shimano gefunden hatte, habe ich mir diesen in mein Vorderrad einspeichen lassen und dem ewigen Akkulade- und Lichtzuhausevergessenzirkus mit einer Busch und Müller-Lichtanlage ein Ende gesetzt. Seitdem bin ich der Meinung, dass alle Fahrräder einen Nabendynamo haben sollten. Zumindest jedes Alltagsrad.

Lange Zeit bin ich Lafayette auf Vollgummireifen von Tannus gefahren. Sorgenfreier, weil absolute Pannensicherheit, kann man fast nicht unterwegs sein, wobei der Komfort natürlich mit dem auf einem „Luftreifen“ nicht zu vergleichen ist. Besonders dann nicht, wenn der Vollgummireifen schon etwas runter gefahren ist.

Da die Vollgummireifen ziemlich teuer und außerdem ziemlich fummelig zu montieren sind (macht man ja theoretisch nur ein einziges Mal), fahre ich derzeit die Grand Prix 4-Season von Continental. Platten sind mit denen zwar möglich, aber wirklich selten geworden. Außerdem rollen die gleichzeitig ziemlich gut, wie ich finde.

Was ich an Lafayette so mag, ist seine klassische und unaufdringliche Form. Man sieht ihm an, dass er ein altgedientes Schlachtross ist, das trotz seines Alters immer noch versteht, sich modern zu gewanden. Für Lafayette bekomme ich regelmäßig Komplimente. Er ist ein „schönes Rad“. Ein richtiges Schmuckstück, auf dem ich trotzdem ordentlich Gas geben kann. An der Ampel lasse ich die anderen Radfahrer gerne stehen.

Rad Nummer zwei:  Das schnelle Rad. Das schöne Rad. „Lady“

Lady kommt von eBay Kleinanzeigen und ist mein erstes Rennrad. Einigermaßen blauäugig habe ich damals (2016) nach Rennrädern gesucht. Ich wollte einfach irgendein Rennrad haben, das nicht hässlich ist und zu mir passt. Ich finde viele Rennräder leider nicht schön. Von dem grellen Dekor und den aerodynamischen Formen wende ich mich häufig mit Grausen ab. In erster Linie sehen Rennräder aus wie simple Sportgeräte. Doch ich finde, sie sind mehr als das.

Lady ist schön. Lady ist ein Principia 700 . Der Rahmen kommt womöglich aus dem Jahr 1998 (so meine nachträglichen Recherchen). Die Ausstattung ist von Campagnolo.

Die Übersetzung ist für mich eigentlich zu straff für meine dünnen Rehbeinchen und eventuell hätte ich auch gerne etwas mehr Platz in der Gabel für etwas dickere Reifen. Eventuell würde ich heute ein anderes Rad kaufen. Eventuell, eventuell … Fest steht: Ich liebe meine Lady. Denn sie ist sehr schön und sie ist schnell. Die meisten Kilometer am Stück habe ich bis heute mit meiner blauen Freundin bestritten. Prominentestes Beispiel ist meine Tour vom Ärmelkanal nach München

Ich mag, wie Lady auf der Straße liegt und wie sie der rollende Beweis dafür ist, dass ein Topmodell von damals auch heute noch eine glänzende Figur machen kann.

Rad Nummer drei: Das Rad für die weiten Wege. “Die Randonneuse”

Ich tauchte mit der Zeit mehr und mehr ein in die Welt der Rennräder und seine Untergruppen, Einsatzbereiche, Spielarten und Philosophien. Irgendwann manifestierte sich ein konkreter Wille: Ich wollte weit fahren, ich wollte Stahl fahren. Stahl finde ich sympathisch und robust. Stahl finde ich praktisch und klassisch. Ende 2017 ahnte ich bereits, dass ich die Langstrecke lieben würde. Auch abseits der asphaltierten Straßen wollte ich weite Wege hinter mich bringen. Mit meiner edlen Lady würde ich hier zwar auch weit, aber nicht weit genug kommen. Ich suchte nach einem Rad, das mich für lange Strecken tragen würde, an dem ich bei Bedarf ausreichend Gepäck montieren könnte und das auch auf losem Untergrund nicht zu Staub zerfallen würde. 

Ursprünglich wollte ich mir dazu bei meinem Fahrradhändler des Vertrauens (Almtrieb, Frundsbergstraße 13-15, München) mein erstes ganz eigenes neues Rad zusammenstellen und aufbauen lassen. Doch es kam anders. Ich kaufte zwar einen der Haus und Hofrahmen (Model: “Almtrieb”), jedoch in Form eines gebrauchten Rades vom Bruder meines Fahrradhändlers, zu einem fairen Preis in einem guten Zustand. 

Vieles, was ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte, hat auch mein jetziges Rad. Zwar habe ich jetzt keine hydraulischen Scheibenbremsen, sondern klassische Canti-Felgenbremsen. Doch was sich damals wie ein Kompromiss anfühlte, würde ich heute nicht mehr anders machen. Auch dass ich den hinteren Gepäckträger durch einen Frontträger ersetzt habe, brachte mir freudige Bastelstunden in meiner Werkstattecke ein. Zu schätzen gelernt habe ich außerdem die Schutzbleche. Die machen Fahrten durch langen Regen erträglicher, was sehr viel weniger frustrierend ist. Außerdem an Bord: Ein Nabendynamo plus USB Werk von Busch und Müller, Brooks c17 All Weather-Sattel, Reifen von Continental (Grand Prix 4-Season, 32 Millimeter breit).

Für meine langen Touren, auch über mehrere Tage, lässt meine Randonneuse keine Wünsche offen. Auch meine ersten Gehversuche bei den 200er und 300er Brevets habe ich auf diesem Rad gut überstanden. Dank Nabendynamo ist auch die Stromversorgung für die Navigation kein logistischer Fallstrick mehr. 

Dieses Rad ist mein Hauptrad für meine Freizeit. Es ist durch seine zurückhaltende Erscheinung mehr Understatement als Statussymbol. Ich bin mir sicher: Mein Eigenblut wird es noch weit bringen und ich komme mit.

Rad Nummer vier: Das Rad für das grobe Gelände. Das Rote.

Mein neuestes Rad im Keller. Als ich immer häufiger feststellte, dass vor allem im groben bis sehr groben Gelände meine Randonneuse zwar auch vom Fleck, allerdings auch schnell an seine Grenzen kommt, begann ich im letzten Herbst über ein weiteres Rad nachzudenken.

Nichts für die große Distanz, mehr was für das Unterholz, sollte her. Nichts für die weite Reise, mehr was für die Feierabendrunde. Besonders im feuchten Herbst drehen meine Rennradreifen bergauf auf dem Waldweg gerne mal durch und so richtig schnell muss ich eh nicht das ganze Jahr über fahren. Wenn richtig viel neuer Schnee in München liegt, kommt auch mein treuer Lafayette ins Straucheln und Rutschen.

Ich wollte: Einen alten Mountainbikerahmen umbauen. Einen Dropbar mit nach außen geschwungenen Enden. Außerdem Lenkerendschalthebel, Rennrad-Bremshebel und meine lieb gewonnenen Cantilever-Bremsen.

Das hierbei entstandene Rad ist ein Low Budget-Projekt. Vorgabe war: Alles, was es gebraucht zu finden gibt, gebraucht zu besorgen. Nichts, was sich nicht vermeiden lässt, wollte ich neu kaufen. Außerdem: wollte ich alles selbst zusammenbauen. Das hat, mit ein paar Stolperern bei der Versorgung und ein paar Sackgassen bei der richtigen Wahl eines Umwerfers, auch ziemlich gut geklappt. Den Univega (Alpina team)-Rahmen habe ich von meinem Freund Steffen bekommen. Ein damals wie heute hochwertiger Rahmen. Ehrlicherweise ist mir dieser zwei Nummern zu klein. Macht aber nichts. Durch den Rennlenker sitze ich sowieso recht ausgestreckt auf dem Rahmen. Alles in allem habe ich weniger als 500 Euro ausgegeben für ein Rad mit hochwertigen Komponenten, auf dem ich richtig viel Spaß habe.

Das Teil fetzt ordentlich durch das Gemüse und ist außerdem ein richtiger Blickfang (finde ich). Vor allem bin ich recht stolz auf das Ergebnis, wenn man bedenkt, dass ich kein gelernter Zweiradmechaniker bin. Witziges Teil.

n+1

Je mehr ich meinen Keller voll mit Rädern stelle, von denen ich nur eines gleichzeitig fahren kann, stelle ich fest: Ich möchte keine brandneuen Fahrräder kaufen. Wie auch sonst in meinem Leben gilt für mich die Maxime: Kaufe nichts, was es nicht auch gebraucht gibt. Das ist zwar häufig mit Aufwand verbunden und ja, vieles findet sich auch nicht sofort. Doch gleichzeitig stelle ich fest, dass die Freude daran, dass etwas nagelneu ist, sehr viel schneller verfliegt als es mir lieb ist. Vielmehr bin ich nervös, ob mein neues Teil einen Kratzer abbekommt.

Besonders in einer Großstadt wie München ist eBay Kleinanzeigen voller Angebote und Schnäppchen. Was doch nicht passt, kann ich immer noch weiter verkaufen. Die Freude an gebrauchten Rädern und Teilen überwiegt bei mir mittlerweile sogar das einst schale Gefühl des ewigen Kompromisses.

Abenteuer erlebe ich sowieso unabhängig vom Einkaufspreis meiner Räder, und wer viele Stunden damit verbringt, unter den aktuellen Kollektionen nach dem leichtesten Carbonrad zu suchen, mit dem er dann zwei Sekunden schneller den Berg hoch kommt, der fährt eindeutig zu wenige Stunden auf seinem jetzigen Rad.

6 Kommentare zu „Meine Räder

  1. Ahoi Jo,

    der Ansatz der guten gebrauchten ist mir sehr sympathisch. Auch wenn ich bislang erst drei gebrauchte Räder hatte. Das vermeintlich Bessere (weil neu) ist des Guten Feind. Habe ich mich erstmal mit dem Rotae-Parare-Virus infiziert, ist Schluss mit lustig. Es fängt an mit einem Kribbeln in den Beinen, dass bald meinen ganzen Körper ergreift. Sofern nicht sofort Gegenmaßnahmen in Form ausgiebiger Radtouren ergriffen werden, besteht kaum Aussicht auf Besserung. Daher bin ich auch im Winter besonders anfällig. Der Blick aufs Konto kann die Symptome lindern, mehr aber auch nicht.

    🙂

    Bis bald,
    Bernd

  2. Was für schöne Räder! Habe leider nicht so viel Schraubererfahrung, um mir solche Um- und Selbstbauten zutrauen können (immerhin: nach einem Workshop beim Profi reicht es für alltägliche Wartungsarbeiten). Gute Fahrt weiterhin mit deinen vier velozipädischen Schönheiten!

  3. Hi Jo,
    schöne Räder! Ich finde Du hast recht, es geht um das Fahren und hoffentlich nicht um das Geld (für die Räder). Danke für viele lesenswerte Artikel und Ansichten. Gert

  4. Ich muss ja zugeben, ich liebäugle schon immer wieder mit der neuesten Technik wenn ich in der Wechselzone beim Triathlon stehe. Dann denke ich mir wieder, das reisst es nicht raus. Trotzdem gab es diesen Herbst endlich einen neuen Trainingsrenner – und tatsächlich aus Carbon. Wenn es dann warm wird, kann ich endlich damit loslegen. Bis dahin müssen die alten Böcke herhalten, von denen ich mich einfach nicht trennen kann.

    Weltradler Urgestein Heinz Stücke war übringes immer auf Torpedo-Dreigang unterwegs.

  5. Hi Jungrandonneur, das ist der nächste Trend. In einigen Städten gibt es schon Klunker Rides, wo nur sehr gebrauchte Räder erlaubt sind. Schaut alles recht vernünftig aus. Bist du dir mit deiner Satteleinstellung sicher? Schaut mir nach mächtig Druck auf die Hände aus…Insbesondere beim derzeitigen Gravel Hype muss ich immer lachen, was dabei rauskommt sind 1990er MTB. Die vo mir erwähnte Jackie Phelan https://mmbhof.org/jacquie-phelan/ mit ihrem Oto sogar mit Dropbar. Scheibenbremsen sind ein gewisser Fortschritt aber selbst ich mit 100 kg brauch die nur bei langen + 18% Abfahrten am Gardasee wirklich….Bei mir stehen 4 Neuräder ungefahren in der Garage weil ich sie nicht mag, wogegen mein 1997 er Fort MTB (jetzt Intec) (mit Teilen eines Raleigh v 1992) mein 2010 Surly Crosscheck und mein 2003 er Nöll regelmäßig gefahren werden. Für Eis kommt ein 1998 Diamont Back mit Spike rEifen zum Einsatz. Nur das neue Giant Toughtroad mit dem ich beim Candy war wird es denk ich in den Kreis der benutzten Räder schaffen. Ansonsten hast du bei aramuc leider die falschen Teiltouren gewählt, da sehen wir uns nur am Start, aber nachdem du geübt hast komm ich wahrscheinlich eh nimmer mit….

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