Der letzte seiner Art

Er ist einer meiner Lieblingsorte in München. Einer dieser Läden, von denen nur wenige wissen und ohne die es wahrscheinlich auch irgendwie weitergehen würde, gäbe es sie nicht. Und dennoch scheinen sie unverzichtbar für das Gefühl, gerne in München zu leben.

Ich bin schon oft an ihm vorbeigefahren, ohne ihn zu bemerken. Selbst als ich ihn zum ersten Mal gezielt aufgesucht habe, hätte ich ihn fast verpasst.

In der Landwehrstraße 12, zwischen einem ähnlich unscheinbaren Fachgeschäft für Satellitenschüsseln und einer türkischen An- und Verkaufshöhle, hinter einem verstaubten vollgestopften Schaufenster liegt er. Mein Fotoladen des Vertrauens. Foto Wiener.

Bis unter die Decke stapeln sich hier alte Kameras. Kameras über Kameras sowie zahllose Objektive, Kartons vollgestopft mit Hüllen, Gurten, Blitzgeräten und jeder Menge undefinierbaren Zeugs, das irgendwie mit Fotografie zu tun hat.

Es riecht nach Dachboden, nach Werkstatt und nach Erinnerungen. Aus einem kleinen alten Radio klingt französische Musik. An einem Arbeitstisch hinter dem Tresen, im Schein einer Arbeitslampe, sitzt Gerhard Wiener. Wegen ihm bin ich hier.

Mit weißem Haar und stoischer Ruhe herrscht der Mann mit dem spitzbübischen Lächeln über das heimelige Chaos. Gerhard Wiener repariert alte Kameras. Seit 1973. Mittlerweile ist er der Einzige, der das noch tut. Weit über die Grenzen Münchens hinaus kommen Kunden mit ihren Liebhaberstücken und der Hoffnung auf deren Rettung in den Laden. Wie auch ich.

Schelmisch blickt Herr Wiener über den Rand seiner dicken Brille und fragt mit französischem Akzent, wie er helfen kann.

„Ich habe hier eine alte Kamera.“

    „Oh, geschenkt?“

„Nein nein. Zum Reparieren.“

    „Warum hast du sie kaputt gemacht?“

„Hab ich nicht. Sie ist nur schon ziemlich alt.“

    „Das ist gut. Ich bin auch ziemlich alt.“

Das Gespräch geht weiter auf diese Art. Die Diagnose meiner defekten Kamera lautet: „Une catastrophe. Sehr viel Arbeit. Ist große Scheiße.“

Auf die Frage, was die Reparatur kosten wird, antwortet Herr Wiener verschlagen: „Bisschen Geld. Weniger als tausend Euro.“

Egal, welchen Preis Herr Wiener verlangen würde: ich wäre bereit ihn zu zahlen. Aus Prinzip. Und weil dieser Mensch schon längst mein nostalgisches Herz erobert hat.

Herr Wiener bittet mich, einen Auftragsschein auszufüllen. Ein schon seit Dekaden als Kopiervorlage wiederverwendetes Formular, bei dem die meisten Felder sowieso frei bleiben. Name und Telefonnummer reichen. Mit ruhigen, routinierten Griffen klebt Herr Wiener Aufkleber mit einer dreistelligen Nummer auf meine Kamera, auf den Auftrags- und auf meinen Abholschein. Dann kehrt er zu seinem Arbeitstisch zurück, um sich wieder über die „catastrophe“ eines anderen Kunden zu beugen.

Auch als ich zwei Wochen später mit meinem Abholzettel zurückkehre, knüpfen wir an unser erstes Gespräch an:

„Hallo, ich wollte meine Kamera abholen.“

Ohne aufzublicken antwortet Herr Wiener: „Ist kaputt.“ Dann grinst er und beginnt nach meiner Kamera unter dem Tresen zu kramen. „Ahh. Hier. War sehr viel Arbeit. Jetzt ist sie wie neu.“

Für einen fairen Preis, erstaunlicherweise sehr viel weniger als 1000 Euro, bekomme ich mein Liebhaberstück zurück und weiß nicht, worüber ich mich mehr freuen sollte: über die Reparatur oder diese wundersame Begegnung. 

Läden wie der von Herrn Wiener sind besonders und wertvoll. Sie erhalten das, was langsam verbleicht und trotzen dem Sog der Vergessenheit. Sie sind ein Gegenpol zu der Selbstverständlichkeit, alles Kaputte durch Neues zu ersetzen.

Über keine einzige neue Kamera aus der Welt der Mediamärkte & Co. hätte ich mehr gefreut als über meine frisch reparierte Minolta aus den 80er Jahren.

Beim Gedanken, dass eines Tages dieser Laden schließen wird, werde ich wehmütig und beschließe, bis dahin noch möglichst viele Kameras kaputt zu machen, um diese in die Landwehrstraße 12 zu bringen. Zu Herrn Wiener. Möge er ewig leben.