Avocado-Achtsamkeit

Traurige Gesellen umgeben mich. Ich finde mich wieder in einer Runde von Idiotinnen. Man kann es auch vornehmer ausdrücken, doch möchte ich es so sagen.

Es ist Lockdown. Endlich mal wieder etwas vorlesen wäre toll. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn diese nicht ganz wegfallen, sind sie online. Darum ist es mir vor lauter Bühnengeilheit passiert, dass ich nicht ganz so genau geschaut habe, bei welcher Art von Veranstaltung ich mich angemeldet habe.

„deep reading night” klingt an sich doch super. Bin dabei. Lasst uns nachdenkliche Texte lesen und uns öffnen für das, was unter der Oberfläche schlummert. Dachte ich mir so …

„deep reading night” Die angeblich erste Lesenacht auf Instagram. Endlich mal was mit Substanz. Endlich mal was zum Nachdenken. Endlich mal etwas konsumieren, das länger ist als ein Tweet.

So dachte ich. Ich hätte es ahnen können.

Ich finde mich stattdessen wieder in einer illustren digitalen Runde von esoterischen Weibern. Eine kleine Auswahl:

Sventia ist Illustratorin und Mutmacherin. Im Interview sprechen die Moderatorin und sie über das Thema „Träume verwirklichen“.  Susanne ist Ayurveda- und Hypnosetherapeutin und sie ist Medium. Im Interview geht es um Seelenverbindung und Heilung. Lisa stellt ihren selbst entwickelten Achtsamkeits-Planer vor und Nina liest aus ihrem Buch „travel to you – der Weg ist das Ziel”. Lisa ist Coach, das Gedicht von Erdenkind Melissa heißt „Kerze in der Dunkelheit”. Die Mond-Liebhaberin Johanna hat ein Mond-Journal geschrieben. Andrea ist Künstlerin und Aromatherapeutin. Sie liest aus ihrem Ratgeber „pure woman” vor. Jobinski ist Sozialarbeiter, Blogger und Bühnenautor. Ein spitzen line-up also. Los geht‘s.

Ich war wirklich bereit, mit offenem Herzen und unvoreingenommenem Geist den anderen Teilnehmenden zu lauschen. Und zwar ohne diese vorauseilend zu verurteilen.

Doch mit wachsendem Pseudo-Tiefsinn und vor Pathos immer dickflüssiger triefenden Selbstdarstellung wächst meine Skepsis.

Gearbeitet wird viel mit Kerzen. Man kennt das ja. Tücher? Auch wichtig. So wie Räucherstäbchen und irgendwas wirkungsvolles im Hintergrund. Ich entdecke eine Engelsstatue, einen Buddha und ein abstraktes Ölgemälde. Noch mehr Kerzen. Gesessen wird großteils im Schneidersitz auf einem Kissen. Schon jetzt ist mir klar: Diese Szene ist – was das äußere Erscheinungsbild angeht – schon mal etwas anders als die Kleinkunst- und Literaturszene, in der ich mich sonst wohlfühle. Doch kommen wir zum Inhalt. Um den soll es ja vor allem gehen, in einer „deep reading night“. Nicht um das Äußere. Ha ha.

Jeder Vortrag beginnt mit den Worten: „Hallo Ihr Lieben!”

Etwas wichtiges für mein Leben mitnehmen, wie zuvor groß angekündigt, kann ich leider nicht. Vielmehr konsumieren wir gemeinsam ein wenig leichte Spiritualität ohne höheren Erkenntnisgewinn. 

Gesäuselte Sinnsprüche sind halt nicht mein Ding. Macht ja nichts. Es ist auch in Ordnung, dass es Leuten hilft, Mandalas zu zeichnen und diese mit einem Sinnspruch in Kalligraphie-Schrift zu versehen. OK. Ob man die jetzt zum Verkauf anbieten muss, weiß ich nicht. Von mir aus. Zwar machen zwei holprige Reime noch kein Gedicht. Auch dann nicht, wenn es darum geht, zu sich selbst zu stehen. Doch auch das ist okay.

All das kann ich noch als harmlosen Eso-insta-selfcare-healthy-Kram abtun. Nicht mein Ding. Aber was geht‘s mich an. Aber: Wenn es um die heilende Kraft von ätherischen Ölen geht und darum, dass diese sich in Kombination mit heilenden Steinen  in ihrer Wirkung potenzieren, dann bin ich raus. Die beruhigende Wirkung von Lavendel-Öl leuchtet mir ja noch ein. Aber mit Hilfe von ätherischen Ölen zu seiner Urweiblichkeit zurückzufinden, erscheint mir dann doch etwas bizarr. Und über das mit den heilenden Steinen müssen wir auch nochmal reden, Andrea. 

Diejenigen Steine, von denen eine messbare Energie ausgeht, nennt man radioaktiv. Wenn du dir die unter das Kopfkissen legst, findest du garantiert nicht zu deiner Weiblichkeit zurück, sondern eher in die Krebsstation. Aber was weiß ich schon. Schwamm drüber. 

Das Unwort des Abend ist jedoch Achtsamkeit. Achtsamkeit! Achtsamkeit! Achtsamkeit! An sich ein tolles Konzept. Doch was mich an eurer so hochgelobten Achtsamkeit so nervt ist: Dass sie so wahnsinnig egoistisch ist. Ihr life-coacht euch immer weiter in eure Ich-Fixiertheit und vor lauter in euch Hineinfühlen und Selbstwahrnehmen seht ihr die gesellschaftlichen Schieflagen und Probleme einfach als gegeben an.

Ich sage es mal ganz deutlich. Eure esoterische Säuselei macht mich nicht stark. Sie macht mich sauer. Sie ist nicht nur egoistisch, sie ist mitunter auch gefährlich. Eure Avocado-Achtsamkeit liefert keinerlei wichtige Antworten. Sie lässt euch immer nur weiter um euch selbst kreisen. Sie ist letztlich auch nur ein Symptom der Leistungsgesellschaft, die ihr angeblich so sehr ablehnt.

Wenn euer eigenes Wohlbefinden zu einer Aufgabe wird, die sich nur durch eiserne Selbstdisziplin meistern lässt, dann nenne ich das Selbstüberhöhung. Wenn ihr behauptet, dass die Probleme der Welt euch nichts angehen, wenn ihr nur im Hier und Jetzt seid, nenne ich das egoistisch. In eurer Instagram gefilterten Wohlfühlblase haben Ärger oder Wut keinen Platz mehr, sie gehören nicht zu eurer mentalen Hygiene. 

Doch ein sediertes Bewusstsein, das nur noch um sich selbst kreist, leitet keinen Wandel ein. Dabei sind Wut, Traurigkeit oder Hilflosigkeit so kostbare Emotionen! Diese auszutreiben macht nicht glücklich oder stark, sondern einfach nur krank.

Und wer krank ist, sollte außerdem zuerst zum Arzt. Danach kann er oder sie sich gerne mit ätherischen Ölen einreiben oder heiliges Wasser trinken. Aber der Arzt ist wichtig.

„deep reading night“ Ja, ich habe tief geblickt. In einen hohlen Abgrund aus Einfältigkeit und Wichtigtuerei. Zuletzt noch ein Detail: Wie bei allen esoterischen Veranstaltungen geht es am Ende vor allem ums Geld. Das wundert mich dann irgendwie auch nicht mehr. Damit die Moderatorin ein Interview mit mir führt, hätte ich einen gewissen Betrag bezahlen sollen. Wie das zusammengeht mit dem Support von unbekannten Künstlern und Self Publishing-Autoren muss man mir vielleicht noch erklären.

Ich gehe jetzt erst mal meine Wut auspendeln …

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