Friseurbesuche

Friseurbesuche

 

Friseure sind seltsam. Nicht zuletzt wegen der mittelmäßigen Wortspielen die sich bei Namen von Friseurläden finden. Schnittstelle, Haaradies, Exemplaar, Haarem oder Haarscharf. Vorher/NachHAIR

Ich bin der Meinung Friseurbesuche haben immer etwas unangenehmes an sich. Besonder dann, wenn man selten zum Haare kürzen geht, birgt ein Friseurbesuch immer die Gefahr eines drastischen Einschnitts in das äußere Erscheinungsbild.  Das liegt auch daran, dass Haare sehr viel weniger Zeit benötigen um kürzer geschnittenen zu werden, als sie Zeit benötigt haben um zu wachsen. Wenn Haare so langsam geschnitten werden würden, wie sie wachsen, dann käme einem der Unterschied nicht so groß vor. Aber das nur am Rande.

Weil eine plötzliche äußere Veränderung erschreckend und überfordert sein kann, versuchen die Mitarbeiter von Friseurläden immer ein Klima der Entspannung, Seriosität und der Sicherheit herzustellen – was ihnen selten gelingt. Der Fehler der haarkürzenden Zunft  besteht meist darin, dass sie versuchen die unangenehme Stille, die zwischen Haarträger und Haarschneider aufkommen kann, durch seichte Gespräche zu überbrücken. Hierin liegt, meiner Meinung nach,  der Kardinalfehler der Friseure.

Manche Menschen sind ganz gut in Smalltalk. Ich bin es nicht. Darum führen die meisten Versuche, eine entspannte Stimmung herzustellen, bei mir dazu, dass ich mich nur noch unwohler fühle. Schlimmer als gezwungen zu werden Smalltalk zu betreiben ist für mich nur der Besuch beim Proktologen oder ausgepeitscht zu werden.

Was Frisören oft nicht klar ist, dass ich (im Gegensatz zu ihnen) nicht beruflich und damit jeden Tag mit Haaren zu tun habe. Eher gar nicht. Für mich ist das Haare schneiden eher eine spannende Abwechslung. Das wissen theoretisch  zwar alle Friseure, doch handeln sie nicht danach.

Für mich und meine Verunsicherung wäre es zum Beispiel sehr viel hilfreicher während des Haareschneidens erklärt zu bekommen,  was denn nun gerade passiert. Wir Sozialpädagogen nennen das: Transparenz.

Was interessiert mich das Wetter? Das einzige was mich in dem Moment, in dem meine Haare geschnitten werden, interessiert ist, dass gerade meine Haare geschnitten werden.

Friseure sind in einer Machtposition. In dem Moment in dem ich einen Friseurladen betete, gebe ich die Kontrolle über meine Haare und auch einen großen Teil meiner Würde ab. Ab jetzt habe ich keine Kontrolle mehr darüber, was mit meinen Haaren passiert. Selbst wenn ich mit dem Prozesses, oder mit dem vorläufigen Ergebnis nicht zufrieden sein sollte, kann ich nicht einfach aufstehen und den Laden verlassen.

Auch über den Preis habe ich, sobald meine Haare nur eine Schere gesehen haben, keine Kontrolle mehr. Friseure können von mir verlangen was sie wollen. Ich bin immer nur froh, wenn ich heil aus der Sache raus komme. Ich zahle jeden Preis. Was bleibt mir auch anderes übrig. Ich kann schließlich schwer sagen. “Nein! Ich möchte, ohne Angabe von Gründen, von meinem Rückgaberecht gebrauch machen. Machen sie meine Haare wieder lang und ungewaschen.”

Warum gehe ich überhaupt noch zum Friseur? Das kann so herabwürdigend sein. Wenn ich geil darauf bin, Geld dafür zu bezahlen beherrscht und aufgrund meiner Situation erniedrigt zu werden, gehe ich in ein Dominastudio. Das ist auch eine Dienstleistung für die bezahlt wird. Dort wird mir das Sprechen möglicherweise sogar ganz verboten. Smalltalk kommt hier sicher nicht in Frage.

Ich weiß Friseure zu schätzen, die sich ihrer Machtposition und ihrer Rolle (Halb Domina halb Metzger) im Klaren sind. Es gibt tatsächlich Friseure, bei denen ist das Thema Wetter kein Thema.

Diese Friseure sind meist türkische Männer über 35. Sie erwecken meistens den Eindruck gar kein Geld verdienen, sondern nur ihre Ruhe haben zu wollen. Diese Friseure  machen alles richtig: Sie sprechen nur dann, wenn es unbedingt nötig ist.

“Ja?” – Wenn überhaupt.

Meistens blicken sie mich nur fragend an. Nachdem sie mich zuvor mit einer fordernden Geste an den Waschstuhl  geheißen und mit ruhigen aber bestimmten Metzgerhänden meine Haare gewaschen und mit mit einem Handtuch trocken gerubbelt haben. Bei jeder Berührung, und jedem Handgriff wird weiter klar, wer hier der Kunde und wer hier der Chef ist. Jeder Handgriff sagt nichts anderes als: “Wenn ich wollte könnte ich dich mit bloßen Händen töten. Dafür brauche ich nicht einmal ein Rasiermesser. Und jetzt hinsetzten und Fresse halten.”

Ich tue wie immer, wie mir geheißen und auf den fragenden Blick über den Spiegel, äußere ich meinen letzten Willen in Form von meinen Vorstellungen und Wünschen was meine neue Frisur betrifft.

Meine Antwort hat zwar keinerlei Auswirkung auf das  Endergebnis. Meine formulierten Wünsche sind eher Formsache. Seit seiner  Gesellenprüfung schneidet der türkische Friseur immer nur den einen, immer gleichen Haarschnitt.

Die zweite und dritte der insgesamt drei Äußerungen des Friseurs ist noch die obligatorische Frage nach der “Millimeterzahl” für den Langhaarschneider und das abschließende: “Gut?” beim Präsentieren des Hinterkopfes durch einen Handspiegel.

Die Antworten auf die Fragen: “Ja?”, “Wieviel Millimeter?”, und “Gut?” sind egal. Das Ergebnis ist immer das selbe und weil alle Frisuren gleich sind sind auch alle Preise gleich.

Ich finde das fair ich finde das gut. Denn trotz der Brutalität und der menschlichen Kälte, die ich mir monatlich bei meinem türkischen DominHaar-Studio ab hole ist mir tausendmal lieber als Smalltalk oder der Besuch beim Proktologen.

 

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Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 7 und ein Video

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 7 und ein Video

Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 ,Teil 3 ,Teil 4 ,Teil 5 und Teil 6

Tag 6 : Das große Finale

Es sollte nicht trocken bleiben. Ich wache auf gegen 5:30 Uhr, als sich ein Platzregen ankündigt. Der Wind pustet fleißig Wind um meine Rübe und auch die ersten Tropfen kommen vom Himmel. Ich springe auf und schllüpfe in meine breitgelegten Regensachen. Ich hatte da ja so einen Ahnung. Innerhalb von 2 Minuten stehe ich reisebereit an die Hüttenwand gedrückt. Die Regentropfen prasseln fleißig nieder.

So schnell und heftig wie der Platzregen gekommen ist so schnell ist er wieder weg. Nach 30 Sekunden ist der Spuck vorbei. Es hat aufgehört zu regnen und sollte auch nicht wieder anfangen.  Ich stehe jetzt da. fertig angezogen. Wie bestellt und nicht abgeholt. Hell wird es auch allmählich. Ich kann auch gleich los fahren. Das mache ich auch.

Ich fahre los. bis zu meinem Ziel München sind es etwa 230 Kilometer. Nicht wenig aber realistisch. Machbar. Ich schalte wieder um auf Autopilot und trete los. Kilometer fressen. Kilometer für Kilometer.

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Meine Schmerzen im Schritt sind mittlerweile nur noch schwer zu ertragen. Wenn ich gleichmäßig trete und mich ansonsten wenig bewege geht es. Doch so funktioniert Radfahren nicht. Immer wieder muss man anhalten, abbremsen oder das Gewicht verlagern. Immer dann wenn ich die Sitzposition nur minimal veränderte zieht mir ein stechender Schmerz durch den Körper.

Auch wenn Schmerzen ein Warnsignal des Körpers darstellen entschließe ich mich mich einer Schmerztablette zu bedienen. Wunder als jetzt kann ich nicht mehr werden und wenn sich meine Schmerzen nicht bessern schaffe ich es nicht nach hause. Egal ob heute, morgen oder in einer Woche

Durch die Tablette sind die Schmerzen nicht weg, doch wenigsten sind die Spitzen etwas reduziert. Weiterfahrt ist möglich.

Was den Weg angeht, kann ich mich an den letzten Tag kaum mehr erinnern. Zu weite war die Strecke und zu wenig war ich noch aufnahmefähig für die unzähligen Eindrücke, die ich ohnehin wegen ihrer Menge nicht mehr in der Lage war zu verarbeiten.

Ich erinnere mich an ein Frühstück in einem Touristenort, eine zerrende Anhöhe bei Göppingen, einen Stop  in einer Dönerbude, Hitze, verlassene Dörfer, eine Waldwirtschaft in der ich trotz Ruhetag ein Getränk kaufen konnte, schrumpfende Kilometer.

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Mit jedem Kilometer wächst die Freude auf das Ankommen. Ich trete einfach durch. Ich trete und und trete. Plötzlich stelle ich feste, dass ich 90 Kilometer durchgefahren bin ohne nennenswerte Pause gemacht habe. Meine Beine sind aufgepumpt wie die Schwimmtiere in den Freibädern, an denen Ich vorfahre. Einfach nur weiter treten. Dem Ziel entgegen. Das Ziel naht. Eine seltsame Stimmung umgibt mich, als ich durch Orte Fahre, die ich kenne. Als zum ersten mal München ausgeschildert ist kann ich mein Glück kaum fassen.

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Eine Letzte Pause in einem Biergarten. 50 Kilometer vor München. Alkoholfreies Weißbier ein letztes mal Navi an die Steckdose hängen. Ein letztes mal wieder auf das Rad steigen. Ein  letztes mal einen Platten Flicken. Platten nummer 11 ! Elf Platten. Ich könnte nicht mehr aufzählen wo ich überall Reifen geflickt habe in den letzte sechst Tagen.

Irgendwann wird es dunkel, ich fahre in den Münchner Speckgürtel ein.  Irgendwann bin ich bereits im S-bahn bereich. Das Ziel vor Augen, der Weg in den Beinen. Endlich in München. Meine Beine sind leer. 5 Kilometer vor der haustüre trinke ich noch eine Spezi an der Tankstelle um nicht umzukippen. Ich baller das jetzt durch. Ich will jetzt heim.

Um 22:15 Uhr biege ich in meine Straße ein. Da hinten wohne ich. Bin gleich da. Lächerlich wie wenig Meter das nur nich sind. Wo sind die Kilometer hin? Ich läute, schiebe mein Rad in den Aufzug. Blicke im Spiegel ein ein müdes glückliches Gesicht. Schiebe mich und mein Rad durch die Wohnungstüre. Halte die Freundin im Arm und muss weinen. Ich  bin wieder zuhause.

 

Tageskilometer: 210 km – Kilometer bisher insgesamt: 1130 km

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Was bleibt? Was ist jetzt?

Ich könnte jetzt aufzählen welche Leeren ich gezogen habe, Was ich beim nächsten Mal anders und was genauso wieder machen würde. Das ich nicht mehr ohne Nabendynamo losfahren würde oder eine dritte Trinkflasche montieren würde. Doch das ist mir zu technisch, zu plump. Was bleibt nach einer solchen Reise wirklich hängen?

Die nächsten Tage verbringe ich viel auf dem Sofa. Essen und Schlaf nachholen. Ich habe immer hunger und bin immer müde. Während in meinem Kopf die Erinnerungen pulsieren. In erster Linie bin ich natürlich stolz. 1130 km in sechs Tagen sind eine starke Leistung. Natürlich geht auch noch mehr, noch schneller. Das überlasse ich anderen.

Was mir bleibt sind dicke Beine und eine latente Überforderung mit den Dingen des Alltags.

In der letzten Woche drehte sich alles um wenige Dinge.

  • Wie weit bin ich schon gefahren und wie weit fahre ich heute noch?
  • Wo finde ich Wasser? Wo Finde ich Essen? Wo finde ich Strom?
  • Was macht mein Körper?
  • Wo ist der Weg?

Um diese Fragen drehte sich meine Aufmerksamkeit. Das war mein Kosmos. Meine Blase. Jetzt wieder mit meinem normalen Leben konfrontiert zu werden überforderte mich zu Beginn. Außerdem weine ich ab und zu mal. Einfach weil ich alles schön finde. Ich immer wieder von der Schönheit des Lebens überwältigt.

Weiter bemerke ich, eine tiefe Gelassenheit in mir. Ich fühle mich nicht nur auf dem Rad unbesiegbar, auch in meinem Alltag umgibt mich vermehrt eine Ruhe und Besonnenheit. Klar geworden ist mir kurz gesagt eines: Radfahren macht glücklich.

 

 

Tag 6: auf Strava: www.strava.com 

Das Video

Ich habe während der Reise immer wieder mal meine Kamera angeschaltet. Hier ist das Ergebnis. Zu sehen sind 12 Minuten ein radfahrender Jo. Macht vor allem dann Sinn wenn man zuvor diesen Bericht gelesen hat.


<p><a href=“https://vimeo.com/225387088″>Velo La France – a long distance bikepacking movie – 1130 km in 6 days</a> from <a href=“https://vimeo.com/user2696669″>jo leitenmaia</a> on <a href=“https://vimeo.com“>Vimeo</a&gt;.</p>

 

 

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 6

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 6

Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 ,Teil 3 ,Teil 4 und Teil 5

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Tag 5 : Ab hier nur noch Autopilot

Im Morgengrauen klingelt mein Wecker. Als ich auf die Galopprennbahn blicke reiten dort schon junge Jockeys durch den morgendlichen Nebel. Bemerkenswert, denke ich mir und galoppiere auch los.

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Es ist früh morgens und darum haben auch in Hügelsheim die Bäckereien noch nicht geöffnet. Ich habe glück am Bahnhof von Rastatt. Dort finde ich Koffein und einen Schokocroissant. Mein erster Croissant auf meiner Reise. In Baden Württemberg. Auch das ist bemerkenswert.

Weiter und weiter. Als ich in Ettlingen ankomme haben wieder mehr Geschäfte offen. Ich nehme Platz und frühstücke zwei mal in einer Großen Bäckerei mit Steckdosen. Es dreht sich mehr und mehr um die Steckdosen.

Vollgeladen kann es weitergehen. Bei mir läuft mittlerweile alles auf Autopilot. Auch Platten Nummer 10 ist mit Hilfe weniger geübter Handgriffe behoben. Irgendwann hängt sich mein Navi auf. Was nicht weiter schlimm ist, nur dass mir etwa 35 Kilometer der Aufzeichnung fehlen.

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Schon bald merke ich, dass sich allmählich ernsthafte körperliche Beschwerden einstellen. Es ist nicht etwa mein Po, was sonst der Klassiker unter den Langstreckenfahrer ist. Es sind die Innenseiten der Oberschenkel. Trotz Sitzcreme macht sich die dauerhafte Reibung bemerkbar. Der ganze Dreck und Staub, den ich durch meinen verschwitzen Körper auffange, wandert mit dem Schweiß langsam nach unten in mein Sitzpolster. So wird mein Schritt mit jeder weiteren Kurbelumdrehung gerieben und gesandet. Ich bin wund. An einer äußerst ungünstigen Stelle.

Bei meiner nächsten Pause mache ich einen Besuch in einem Drogeriemarkt, in dem ich mir Creme kaufe, von der ich mir Linderung erhoffe. Ich hoffe vergeblich und so wird der Schmerz in meinem Schritt mein Reisebegleiter.

Nichtsdestotrotz fahre ich weiter. Ich fahre eigendlich immer weiter. Pause am Fluss, Pause an der Tankstelle. Mein Ziel rückt näher und näher. Erinnerungen habe ich nur noch wenige an diese Ettappe. Almählich ist ein Ende in Sicht. Ein einerseits trauriger aber im Moment ein sehr viel mehr erbaulicher Gedanke.

Nachrichtenaustausch mit der Heimat, Sehnsucht und ein kurzer Flashback an den Heulkrampf gestern. Ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank in der Tankstelle und bin wieder für einen kurzen Moment sehr betrunken und sehr glücklich. Hinter mir liegen sicher 850 km. Ungefähr. So genau kann ich das nicht ausrechnen. Jedenfalls wächst diese Zahl von Stunde zu Stunde.

Das Bier in meinem Kreislauf führt dazu, dass ich bei der nächsten Abfahrt sehr viel weniger vorsichtig abbremse und meinen Geschwinsigkeitesrekord der Woche breche. 60 km/h bei vollem Gepäck. Das kickt.

Am Nachmittag komme ich in Ludwigsburg an. Hier besuche ich kurz Lennart in seinem Laden. Mit ihm habe ich auch schon das ein oder andere Abenteuer erlebt. Er ist neidisch auf mich, er muss arbeiten. Ich kann ihn in diesem Moment nicht verstehen. Ich kann gar nichts mehr verstehen. Bei mir läuft mittlerweile alles in einem anderen Modus. Ich bin nur noch am funktionieren. Autopilot. Ich gehe Burgeressen und erwäge das Angebot bei Lennart einen Schlafplatz anzunehmen.

Auch wenn das Angebot, für heute hier Schluss zu machen und bei Lennart eine Dusche und ein richtiges Bett zu benutzen verlockend ist, muss ich irgendwie weiter. Ich bin noch nicht angekommen. Ich will noch weiterfahren. Will letztendlich richtig ankommen. Ich bin noch im Unterwegsmodus im Modus Kilometerfressen. Auf der Reise. In meinem Kosmos ist noch kein Platz für Normalität.

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Trotz schmerzendem Schritt und mittlerweile chronischer Müdigkeit schwinge ich mich wieder los. Immer dem Vorderrad hinterher. Vor ein paar Wochen bin ich eine ähliche Strecke von Ludwigsburg nach München   gefahren wie heute. Das kommt mir zugute. Zumindest weiß ich ungefähr welche Berge noch auf mich warten.

Nach einer (gefühlten) Stunde mache ich Pause auf einer Parkbank am Neckar. Ich brauche dringend einen Powernap. Außerdem muss ich meinen Schritt pflegen. Ich kann sagen, dass es sich sehr komisch anfühlt auf einer Parkbank zu sitzen und seinen Schritt einzucremen, während man sich immer wieder verstohlen nach vorbeikommenden Joggern umsieht.

Nach meinem Powernap geht es mir tatsächlich etwas besser. Ich fahre weiter in die aufkommende Dunkelheit. Waiblingen, Weinstadt Schorndorf. Nach und nach schaue ich mich um, nach einem Platz zum Schlafen. Bis ich meinen Platz finden soll werden  jedoch noch 20 Kilometer und ein großer Hügel überwunden. Mein Wunsch morgen Abend in München anzukommen, hat sich mittlerweile fest manifestiert. Meinen Beinen ist mittlerweile alles egal und mein Schritt hat gefälligst nichts zu melden. Ich befinde mich auf einer extremlangen Radtour. Da ist es auch nochmal, dass es mir mal nicht so gut geht.

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Als ich die 200 Höhenmeter (Adelberg)  hinter Schorndorf überwunden habe bin ich leer gefahren. Ich breite mich aus, an einer kleinen Hütte direkt neben einem Strauch mit reifen Johannisbeeren. Ich bin verunsichert, denn als ich mein Handy anschalte um Neuigkeiten an die Heimat zu schicken poppt eine Unwetterwarnung für meinen Standort auf.

Heftige Gewitter und starke Regenfälle sind für heute Nacht angesagt. Es liegt tatsächlich Gewitter in der Luft. Immer wieder bläst eine starke Böe über die Hütte hinweg und rüttelt an den Johannisbeersträuchern.velo la france film5

Weiterfahren macht keinen Sinn. Ich bin leer. Ich kann nicht mehr weiter fahren. Allerdings unternehme ich einen kleinen Streifzug durch die Umgebung und mache eine  Bushaltestelle wenige hundert Meter entfernt aus. Im Fall der Fälle könnte ich hier Schutz vor dem Gewitter finden.

Wenn man sehr müde ist hat man den Vorteil, dass man einfach keine Zeit für sorgenvolle Gedanken an Gewitter hat. Also pflege ich noch ein wenig meine Wunden und blicke auf die Blitze am Horizont.  Hoffentlich zieht es weiter und es bleibt es trocken, zumindest für ein paar Stunden, dann wird es wieder hell.

 

Tageskilometer: 151 km – Kilometer bisher insgesamt: 924 km

Fortsetzung folgt …

 

Tag 5: auf Strava: www.strava.com  zumindest das was von der Aufzeuchnung übrig ist.

Für den Film, der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser:

 

 

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 5

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 5

Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 ,Teil 3 und Teil 4

Tag 4 : Eine Grenzerfahrung, das Vogesen-Gebirge und die deutsche Freikörperkultur.

Die Hälfte der Strecke liegt hinter mir. Ich bin bestens in der Zeit und mein Schlafplatz ist sicher und abgeschieden. Heute zwinge ich mich nicht vor Sonnenaufgang aufzustehen und auch werde ich nicht durch einen LKW geweckt. Ich gönne mir zwei Stunden mehr Schlaf als derzeit üblich. Verdienst hat mein Körper diese schon lange.

In Dieuze finde ich außerdem endlich Kaffee. Und Frühstück.  Gleich zweimal hintereinander. Ich mache einfach gleich zwei mal einen Stop. Weil ist einfach wunderbar ist morgens  kaffee zu trinken und gleichzeitig zu wissen, dass das Navi an der Steckdose hängt.

Ich bin mittlerweile im Elsass einer Gegend, in der die Nähe zu Deutschland mehr und mehr zu erkennen ist. Tagesziel für heute ist Strassburg. Das sind etwas mehr als 100 Kilometer, allerdings liegt das Vogesen-Gebirge dazwischen. Wie viele Höhenmeter das für mich bedeutet, kann ich jetzt nur ahnen. Ich habe allerdings keine Ahnung wie hart das tatsächlich werden wird.

Aufgetankt und fast ausgeschlafen mache ich mich weiter auf den Weg.

Schön ist es hier. Sehr schön.

Nach etwas eineinhalb Stunden Fahrt passiert etwas interessantes. Meine Gedanken kreisen um die hinter  mir liegende Strecke und an das was vor mir liegt. Ich denke an zuhause und an meine Freundin. Da überkommt mich eine tiefe Emotion. Ich fange zwangsläufig an zu weinen. Schluchzend vor Freude und vor Sehnsucht rolle ich weinend durch diese  abartig schöne Landschaft des hinteren Elsass und kann nicht aufhören zu weinen. Ich weine tatsächlich 20 Minuten bis ich mich endlich wieder zusammen reißen kann.

Was war das? Was ist hier passiert. Ich kann es nicht erklären. Eine Grenzerfahrung, ausgelöst durch eine Summe verschiedener faktoren, Stolz, Freude, Schmerz, die Landschaft, der mangelnde Schlaf, die Einsamkeit, die Zufriedenheit, die innere Ruhe, die innere Anspannung. Alles zusammen vermischt sich in mir und sprudelt durch einen Heulanfall aus mir heraus.

Dieser Anfall von Emotionalität sollte mich im Laufe der nächsten Tage und auch nach meiner Ankunft zuhause immer wieder einholen. Diesen Moment werde ich so schnell nicht vergessen. Ein besonderer Moment.

Klar wird mir während ich noch diesen Moment verdaue, dass ich angekommen bin, auf meiner Reise. Ich bin durch und durch hier. In diesem Hier und Jetzt von dem man immer hört. Bin ganz dort wo ich sein will.  Bin unterwegs.

Meine Zufriedenheit trägt ich weiter. Weiter durch die Orte im Elsass. Durch den Wald und irgendwann auch die Berge hoch. Und wie es hoch ging. Brutal und unendlich. Kurve für Kurve kämpfe ich mich weiter hoch. Immer höher immer weiter. Die Hitze macht mich fertig und irgendwann muss ich anhalten und Essen. Völlig leer hab ich mich gefahren und darum ist die halbe Salami und das restliche Baguette schnell in meinem Bauch verwunden.

Allmählich merke ich , dass ich an meine Grenzen komme. Auch wenn ich mehr als gut durch die letzten Tage gekommen bin, stelle ich fest, dass ich hier einen Kampf austrage. In diesem Momenten ermahne ich mich mit den Worten: das ist eine Radreise und  kein Kindergeburtstag. Manchmal spreche ich mir diese Worte sogar laut zu. Das hilft.

Nach einer langen Quälerei bin ich endlich über den Kamm des Vogesen-Gebirges gekommen und vor mir liegen sicher 10 Kilometer Abfahrt. Eine würdige Entlohnung. Völlig euphorisch komme ich im Tal bei an.  Von hier aus geht es weiter richtung Straßburg. Unterwegs mache ich noch einen ausgiebigen Stop an einem Bach. Das Wasser ist fließendes Glück.

Weil hier niemand vorbeikommt pflege ich die deutsche Freikörperkultur. Meine stinkenden Radklamotten trocknen in den Büschen während ich mir eine Haarwäsche könne. Ich habe viel zu viel Dreck und Sonne auf mir gesammelt. Mit meinen rotbraunen Streifen an Beinen und Armen, meinem rotglühenden Rücken sehe ich sicher nicht mehr normal aus. Normal, was ist schon normal. Wir sind hier auf einer radreise und nicht auf einem Kindergeburtstag.

Über eine unnötig steile Passage, durch Wälder und an Füssen vorbei geht es weiter. An einer Schottenpassage muss ich anhalten um meinen Reifen zu flicken. Meinen neunten mittlerweile, wenn ich mich nicht verzählt habe. Ich ärgere mich schon gar nicht mehr.

Durch kleine Orte an verschiedenen kleinen Kanälen entlang. Immer mehr Rennradler kommen mir entgegen oder überholen mich. Ich nähere mich der Großstadt die Strassburg eben ist.

In Straßburg tanke ich auf. Strom, Zucker und ein Essen, das sich sehen lassen kann. Das Straßencafe in dem ich Pause mache entpuppt sich als marokkanisches Sternerestaurant in dem ich wohl nur deshalb bedient und bekocht werde, weil sonst noch keine Gäste hier sind und weil meine Haare einigermaßen frisch gewaschen aussehen. Mein Glück, denn so steht plötzlich eine riesige Portion marokkanischem Essen vor mir, dessen Namen ich mir natürlich nicht gemerkt habe. Reis, Rosinen, Kalbfleisch, Gemüse. Ein Gedicht.

Alles ist besser mir Essen im Bauch und darum geht es mir auch hervorragend, als ich mit dem Rein auch die französisch-deutsche Grenze überquere. Bin ich in den letzten vier Tagen tatsächlich einmal durch Frankreich gefahren? Scheinbar schon. Zum ersten mal traue ich mich mir vorzustellen einen Tag früher als geplant in München anzukommen. Wenn es so weitergeht wie bisher. Ich fühle mich momentan sowie unbesiegbar.

Mein Tagesziel liegt zwar hinter mir, doch ich fahre natürlich weiter. Mit der schwindenden Sonne und Hitze wachen meine Beine erst richtig auf. Ich mache einen kurzen Stop an einem deutschen Supermarkt. Oh wie wunderbar es ist sich mit dem Sortiment auszukennen. Energieriegel habe ich in Frankreich vergeblich gesucht. Außerdem brauche ich dringend neue feuchte Tücher. Ein Kaffee beim Bäcker, frische Bananen und ein Kassierer der meine Sprache spricht zaubern mir ein lächeln ins Gesicht.

Meine Suche nach einem Schlafplatz führt mich auf deutschen Landstraßen und Feldwegen in richtung Pforzheim.  Mein Blick streift durch die Landschaft und da ich kein geeigneten Platz finde fahre ich eben weiter. Auch ein Badesee erscheint zwar zunächst vielversprechend, doch entpuppt er sich als ungeeignet. Zugewachsen und stinkig. Ich schalte mein Navi wieder an trete weiter. Weiter in die Dämmerung.

Ich finde meinen Schlafplatz an einem verlassenen Parkplatz. An einer riesigen Galopprennbahn. Hinter einem Stromkasten fühle ich mich blickgeschützt genug um mein Abendritual durchzuführen und erneut nach weinigen Minuten einzuschlafen. Der Heutige Tag war krass. Das ist alles krass irgendwie. Eben kein Kindergeburtstag.

 

Tageskilometer: 179 km – Kilometer bisher insgesamt: 773 km

Fortsetzung folgt …

 

Tag 4: auf Strava: www.strava.com  außerdem von der Zugabe

Für den Film, der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser:

 

 

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 4

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 4

Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 und  Teil 3

Tag 3 – Hitze, Pizza und ein Sieg

Um 6:30 Uhr ist es hell. Das ist jedoch nicht der Grund warum ich aufwache. Ich wache auf weil ALDI neue Ware bekommt. Ich liege neben der Laderampe hinter dem Supermarkt und werde Ohrenzeuge vieler Geräusche. Der Anlieferer mit dem großen LKW, die Hebebühne, rollende Wagen mit neuer Ware und leeren Kisten,  und ein Telefonat über das Headset des LKW-fahrers, der mich zwar freundlich begrüßt, aber nicht weiter Notiz von mir nimmt. Dachte ich mir schon, dass es niemanden juckt, wenn ich mich hier hinlege.

Jedenfalls bin ich jetzt wach. Bis der Fahrradladen aufmacht habe ich noch zweieinhalb Stunden Zeit. Das ist einerseits gut, denn so habe ich gezwungenermaßen Zeit um mich mal ausführlich um meine Ausrüstung zu kümmern. Vieles was ich mit mir rumschleppe brauche ich nicht. Diverse Tüten und  Verpackungen haben sich angesammelt. Außerdem weiß ich genau, dass ich meine Plastik Flip Flops in dieser Woche nicht mehr brauchen  werde. Diese haben mich bisher immer nur genervt und waren im weg. Genau so geht es mir mit meinem Buch, dass ich mir für den Abend zum Lesen eingepackt hatte. Ich muss selbst schmunzeln.  An den letzten beiden Abenden hat es mir auf keinen Fall an Unterhaltung gefehlt. All der überschüssige Ballast, all die geplatzten Ersatzschläuche kommen in den Mülleimer. Die weitere Zeit nutze ich um meine Taschen besser zu packen. das Werkzeug, die Luftpumpe und das Flickzeug müssen besser erreichbar sein, genau wie der Akkupack für die Elektrogeräte. Meine Warnweste hingegen brauche ich nur einmal am Tag, nämlich bei aufkommender Dunkelheit. Ich optimiere also meine Ausrüstung und werfe Ballast ab. Außerdem frühstücke ich ausgiebig von dem Baguette, dem Käse und der Salami. Nimmt in der Tasche nur Platz weg und ist in meinem Bauch besser aufgehoben.  All das dauert lange nicht genug um zweieinhalb stunden zu überbrücken.

Ich mache mich als  schon mal auf den weg zum Fahrradladen. Leider finde ich auf dem Weg dorthin keinen Kaffee. Ich und mein Morgenkaffee, wir kommen irgendwie nicht zusammen. Was ich finde ist ein kleiner Supermarkt der schon offen hat, in dem ich mir einen großen Orangensaft kaufe, der nicht lange halten wird.

Irgendwann macht endlich auch der Radladen auf und ich kaufe meine Ersatzschläuche und Ersatzmantel. Zur Sicherheit mache ich gleich alles neu. Drei Ersatzschläuche zusätzlich bekomme ich auch noch unter.

Mit neuem Reifen und juckenden Beinen komme ich endlich wieder los. Es ist zehn Uhr als ich Sainte-Menehould wieder verlasse. Allerdings komme ich nicht weit, denn nach 5 Minuten auf dem Rad habe ich schon wieder einen Platten. Ich bin plattenverflucht. Fluchend und vor Hitze schwitzend kehre ich zum Radladen zurück. Der eigentlich neue Schlauch wird durch einen ganz neuen ausgetauscht. Auch der Ladenbesitzer kann nur den Kopf schütteln.

 

Ich hab zwar neue Schläuche allerdings bin ich schon wieder schwerst genervt von allem bevor ich überhaupt Kilometer hinter mich gebracht habe. Vermutlich auch genau deshalb. Ich kehre in einem Restaurant ein. Das hat zwar noch nicht geöffnet, die Wirtin und ihre beiden Töchter sind gerade noch am sauber machen, als ich eintrete, doch ich werde dennoch bewirtet. Kaffee. Endlich Kaffee. Obwohl die Küche noch geschlossen hat darf  ich ein Sandwich bestellen. Die Wartezeit von 40 Minuten (!) nutze ich um mein Navi aufzuladen, welches eigentlich immer aufgeladen werden muss, und um Nachrichten an die Heimat zu schreiben. Die Wirtin stellt mir ungefragt eine große Flasche Wasser hin. Sie scheint meine Gedanken lesen zu können. Auch wenn wir uns sprachlich nicht verstehen, verstehen wir uns blendend.

Als das riesige Sandwich samt Pommes Frites, Frikadellen und Salat endlich kommt ist meine schlechte Laune schnell verflogen. Alles ist besser mit fettigen Essen und Kaffee im Bauch. Da stört es mich auch nicht mehr, dass ich durch meine Pannen fast einen halben Tag verloren habe.

Anhand meiner Gedanken wird klar worum es mir bei meiner Reise geht. Es geht darum Strecke zu machen. Viel Strecke in wenig Zeit. Mit einem gefüllten Magen fällt es mir leichter anzuerkennen, dass genau dieser Plan auch trotz Verzögerung bestens aufgeht. Auch der Blick auf die Karte und das Überschalgen von Zeit und zurückgelegter Strecke im Kopf lassen mich schon jetzt stolz werden.

„Beruhige dich Jo, du bist sehr gut in der Zeit. Möglicherweise schaffst du es heute oder spätestens morgen Mittag nach Dieuze was ungefähr auf der Hälfte der Strecke liegt. Mehr kannst du nicht von dir verlangen.“

Der weitere Verlauf des Tages verläuft besser als der gestrige aufgehört hat. Auch wenn ich nicht den letzten Platten geflickt haben werde, ich komme weiter und weiter voran. Ich stoße schnell wieder auf meine Ursprüngliche Route, lasse die Piccardie allmählich zurück und erreiche die Champagne. Die Veränderung der Vegetation ist eine willkommene Abwechslung für mich. Die Kuhweiden, die Bäume, die Bäche. das gefällt mir alles sehr gut im vorbeifahren.

Auch hat die längere Zwangspause meinen Beinen spürbar gut getan. Meine Laune könnte gar nicht besser sein. Weiter und weiter. So hab ich mir das Vorgestellt. Glück und Unglück wechseln sich stündlich ab beim Radfahren, das macht wohl den Reiz aus.

Ich überwinde also die Straßen Frankreichs, Hügel für Hügel und bleibe dabei konsequent beim der Beachtung des Bodenbelages. Sobald mein Navi mich runter vom Asphalt leiten will, mache ich einen Umweg und fahre lieber drei Kilometer weiter, dafür aber auf der glatten Landstraße.

Von einem weiteren Glück, all derer die Richtung Osten radeln, werde ich an meinem dritten Reisetag Zeuge: Rückenwind. Mit Rückenwind eine lange Strecke bergab fahren ist eines der schönsten Dinge, die einem passieren kann. Da macht es auch nichts, dass mir die Sonne weiter fleißig auf dem nackten Rücken ballert. Man kommt fast von alleine voran. Ober habe ich mittlerweile jedes Gefühl für Anstrengung verloren beziehungsweise verdrängt? Ich bin mittlerweile nicht mehr sicher, auf was ich mich bei meinem Körper noch verlassen kann. Normal und abnormal verschwimmen langsam.

 

An einem Supermarkt decke ich mich wieder ein. Verputze einen eingeschweißten Kartoffelsalat und fertig belegte Sandwiches. Trinke zwei Liter Wasser in 10 Minuten und genieße die Kühle des Schattens. Weiter creme ich meinen verbrannten Rücken, meine Arme, meine Nase, eigentlich alles ein, was mit Sonne in Berührung gekommen ist. Das bedeutet: alles außer der Bereich zwischen Oberschenkel und Hüfte.  Ich habe das Gefühl so viel Sonne wie ich abbekomme, so viel kann ich gar nicht eincremen um das Unaufhaltsame zu verhindern. Ich werde geschmort. Verbrannt, bei lebendigem Leib.

Vermehrt fallen mir die Kriegsdenkmäler und Soldatenfriedhöfe auf, an denen ich vorbeifahre. Erschreckend wie nah man plötzlich dran ist an den Schauplätzen der Panzerschlachten und Grabenkämpfen des 2 Weltkrieges. Verdun ist nicht weit. In Deutschland habe ich so etwas noch nicht gesehen. Nicht in dieser Häufigkeit. Hier wird mit der Vergangenheit anders umgegangen. Stelle ich eben so fest.

Mein Körper funktioniert und mein Verstand auch und darum fahre ich weiter und weiter. Ich finde es schön. Alles . Auch, dass ich der Hälfte der Gesamtstrecke immer näher komme. Ein gutes Gefühl.

Pause mache ich wenig, vermutlich zu wenig. Allerdings ist Stehenbleiben immer auch anstrengend, weil der kühlende Fahrtwind ausbleibt. Ich muss bei meinen Pausen feststellen, dass das Material mittlerweile mehr und mehr leidet. Abrieb und Verschleiß an Bremsen und Taschen sind in erschreckendem Ausmaß zu beobachten. Nicht nur den Beinen sondern auch  der Technik wird einiges abverlangt. Das macht sich bemerkbar.

Als es langsam dämmert. Kehre ich ein . Auch wenn ich mir vorgenommen habe eine warme Mahlzeit am Tag zu mir zu nehmen, und ich ein ungefähres Tagesbudget eingeplant hatte.

Eine Pizzeria lacht mich an. Hier gibt es Pizza und Cola, Wasser und Bier außerdem Eis. Natürlich auch Steckdosen. An Strom und Wasser mangelt es eigentlich immer und darum bleibe ich so lange bis der  Pizzamann um 22:30 Uhr schließen will. Zum Abschied schenkt er mir seine fast volle Wasserflasche. Nicer Dude.

 

Ich beschließe noch ein bisschen weiter in die Nacht zu fahren. Mein Licht ist aufgeladen und ich selbst dank Pizzapause auch. Bis zum Ort Dieuze  sind es noch etwa 30 Kilometer, Die Hälfte der Gesamtstrecke und das sollte ich heute noch schaffen. Das muss ich nicht doch das will ich. Wenn dem so wäre, hätte ich nach drei Tagen die Hälfte der Strecke geschafft. So treibt mich mein Ehrgeiz durch die Nacht.
Ich erreiche Dieuze  mit müden Beinen und auch mein Kopf ist müde. Alles an mir ist müde. Die kurzen Nächte der letzten Tage machen sich bemerkbar. Gleichzeitig bin ich mächtig stolz als ich Dieuze durchfahre. Ich habe alles und noch viel mehr erreicht als ich mir für heute vorgenommen hatte.

Im Suchen von Schlafplätzen habe ich fast schon Routine. Mir ist es lieber eine Lichtquelle in der Nähe zu haben und wenn man es vermeidet auf einem Grundstück von Privatleuten zu schlafen, kann man eigentlich niemanden wirklich ans Bein pinkeln. Ich finde meinen Schlafplatz an einer Hecke bei einem Schießstand des örtlichen Schützenvereins. Hier wird morgen Früh wohl keiner einer nach dem Rechten sehen. Bis hier wieder geschossen wird bin ich längst weg.

Abendritual: Zähne putzen, mit feuchten Tüchern das Gesicht säubern, raus aus den Radklamotten, rein in den Schlafsack. Einschlafen nach wenigen Minuten. Über mir der Sternenhimmel, neben mir mein treues Rad. Den Frust von heute Vormittag habe ich vergessen. Heute war ein guter Tag.

Tageskilometer: 176 km – Kilometer bisher insgesamt: 594 km

Fortsetzung Teil 5 hier

 

Tag 3 auf Strava: www.strava.com

 

Für den Film, der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser:

 

 

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 3

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 3

Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2.

Tag 2 – Wundervolle Landschaften, Platten und ein Tiefpunkt

Tag zwei meiner Reise beginnt um 5:30 Uhr. Auch wenn ich durch meine strategisch geniale Wahl meines Schlafplatzes nicht groß auffallen sollte, so will ich es dennoch vermeiden, unnötige Fragezeichen auf die französischen Gesichter der Anwohner zu zaubern, wenn plötzlich ein Radfahrer aus der Baggerschaufel vor dem Pferdestall steigt.

Außerdem gilt es weiterhin Kilometer zu fressen. Es stimmt. Ich habe gestern mehr als doppelt so viel Strecke hinter mich gebracht als ursprünglich geplant, doch der größte Teil der Strecke liegt immer noch vor mir. Wenigsten muss ich mir keine großen Sorgen machen, dass meine 7 Tage Urlaub zu wenig sind. Wenn ich weiterhin so voran komme wie jetzt, wird alles gut. Womöglich bleibt mir sogar Zeit für einen Pausentag. Einen halben zumindest.

Meine Gedanken, werden jäh unterbrochen von einem spektakulären Ausblick. Gerade als ich eine Anhöhe überwinde eröffnet sich vor mir eine malerische Landschaft. Die dämmrig warme Sonne geht gerade über dem Wald auf, während in den sich vor mir ausgestreckten Tälern dichte Nebelschwaden hängen. Dies ist ein zauberhafter Moment. So unwirklich, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich überhaupt schon wach bin. Die zauberhafte Stimmung umgibt mich während ich mit einem Lächeln in diese Landschaft rolle. Guten Morgen Tag 2. Guten Morgen Frankreich.

Ich finde auch als ich angestrengt suche keinen Kaffee. Alles schläft und ich fahre weiter. Das mache ich eigentlich immer: Weiterfahren. Einfach weiterfahren. Solange die Beine treten wollen, sollen sie treten können.

Ich bin mittlerweile sicherlich irgendwo nördlich von Paris. Eine Strecke liegt hinter mir, die man auf der Europakarte sicherlich schon erkennen könnte. Meine Gedanken fließen ziellos umher und meine Reifen rollen über einen Kilometer nach dem anderen.

Was irgendwann auffällt ist, dass es einfach sehr heiß ist. Ich ziehe mein Trikot aus was mir ein wenig mehr Kühlung verschafft. Das tut gut. Mittlerweile fällt es mir gar nicht mehr auf, dass es niemals flach ist in dem Teil Frankreichs in dem ich bin. Es geht entweder bergauf oder bergab. Mittlerweile bin ich  so im Tritt, dass ich keinen großen Unterschied mehr merke. Bergauf fahren heißt nichts anderes als langsamer fahren. Schön.

Die Innenstadt von Fismes bietet mir eine willkommene Abwechslung zu den endlosen Hügeln, Kartoffel- und Getreidefeldern. Hier finde ich auch eine Bäckerei in der ich einen Großeinkauf tätige. Ein Sandwich, eine Pizza, Orangina und Wasser. Bestimmt noch mehr, das weiß ich nicht mehr genau. Ich rolle weiter, doch mittlerweile ist es so heiß dass ich nur noch sehr langsam voran komme. Ich lege mich in den Schatten  und esse von meinen Einkauf auf. Ich hab meiner Hunger wohl unterschätzt.

Ich muss mir die Etappen einteilen. Das mache ich zwar schon durchgehend, doch muss ich mich selbst disziplinieren nicht einfach weiter zu fahren , wenn ich eins meiner Zwischenziele erreicht habe. Pause. Ich muss mich direkt zur Pause zwingen. Außerdem muss ich jede Gelegenheit Essen einzukaufen nutzen. Obwohl heute Montag ist, bin ich noch an keinem Supermarkt vorbei gekommen, so wie es mein Plan war.

Ich rolle weiter durch die Landschaft. Ab und zu halte ich an für ein Foto, um zu trinken oder um einen Platten zu reparieren. Ganz schön viele Platten.

Ich finde nach vielen Stunden doch meinen Kaffee. Zwar wieder in einem Schnellrestaurant doch das macht nichts, denn hier kann ich meine elektronischen Geräte an die Steckdose hängen. Das ist mittlerweile dringend notwendig. Mit dem WiFi Nachrichten an die Familie und die Freundin schicken. Klimaanlage genießen und Koffein aufnehmen. Hände waschen, auf die Karte blicken neue Zwischenziele festlegen.

Weiter geht es. Die nächst größere Stadt Reims bietet mir keinen Supermarkt direkt auf der Route. Diese führt mich durch die Stadt direkt an einem Kanal entlang und so auch wieder aus der Stadt hinaus. So finde ich jedoch endlich zu einer Abkühlung. Immer  wieder springe ich in das Wasser, das viel kälter aussieht, als es tatsächlich ist. Ein Schattenplatz. Ausstrecken kurze Atempause und Augenpause. Sehr kurz, denn ein Schulausflug beschließt neben mir ihr Lager aufzuschlagen und deren Bedürfnisse drehen sich weniger um Ruhe und Erholung. Dinge für die ich meine Pause gerne nutzen würde. Doch die von der Hitze und der Lautstärke ihrer Schüler überforderten Lehrer schaffen es nicht ihre Schützlinge zu bändigen und so ergreife ich die Flucht.

An einer Kanalschleuse finde ich endlich einen Supermarkt. Großeinkauf. Zumindest wie es mein Fahrrad zulässt. Was ich nicht finde sind Süßigkeiten, wie ich sie mir erhofft habe. Riegel oder etwas vergleichbares. Doch Dosenfisch, Käse, Baguette, Salami und Bananen sind sowieso attraktiver. Was nicht mehr in meine Taschen passt wird mit Klebeband fixiert.

Weiterfahren. Weiter und weiter. An Schnellstraßen von LKWs überholt werden, auf Schotterwegen Angst um die Reifen haben, Bergauf bergab, durch kleine Orte in denen alle Häuser etwas mit Landwirtschaft zu tun haben. Das große weiter Niemandsland der Piccardie. Endlose Ausblicke. Endlose Hitze.

Weiter immer weiter. Weiter durch die Hitze durch die Landschaft, durch die Landwirtschaft. Nach einigen Stunden geht mir die Landschaft auf den Wecker. Diese ewigen Felder und nirgendwo ein Schattenplatz. Ich muss mit meiner Laune kämpfen. Liegt vielleicht daran, dass ich noch keine Warme Mahlzeit in mir hatte. Auch die immer gleichen Ausblicke, gepaart mit der Hitze machen es mir gerade schwer meine Tour zu genießen.

An einer kleinen Kneipe in einem Ort mache ich halt. Ich kaufe eine Cola und eine Dose Bier aus dem Kühlschrank. Beides tut gut. Ich leere das Bier mit wenigen Schlucken. Innerhalb von 30 Sekunden bin ich sternhagelvoll. Nach drei Minuten bin ich wieder nüchtern. Ab aufs Rad. Hier ist es langweilig. Vielleicht wird es später ja noch interessanter.

Ich bin wieder auf der Straße und stelle fest, dass meine Mindestkillometer für heute absolviert sind. Alles was jetzt kommt ist Bonus. Fleißarbeit. Ich war wieder ein fleißiger Pedalarbeiter heute.

Zu viel Fleißarbeit komme ich nicht mehr, denn ein Platten zwingt mich zum Anhalten. Ein weiterer nach wenigen Minuten gleich noch einmal. Scheiße. Meine Besonnenheit schwindet mit den Flicken und den Ersatzschläuchen. Die immer noch anhaltende Hitze und die unterschiedlichen Straßenverhältnisse machen meinen Rädern und damit meinen Schläuchen schwer zu schaffen. Ich brauche dringend einen großen Supermarkt, ein Sportgeschäft oder einen Fahrradladen um mich besser auszustatten. Heute schaff ich das wohl nicht mehr. Es ist mittlerweile schon 21:00 Uhr.

Die Hitze ballert trotzdem noch genau so unbarmherzig wie den ganzen Tag über schon. Mein Garmin zeigt 35 Grad. Mein Wasser wird langsam auch knapp.

Als mein letzter Schlauch platzt stehe ich auf weiter Flur und habe meinen Tiefpunkt erreicht. Ich verfluche alles. Verfluche diese scheiß Hitze, dieses öde Land in dem es keine Geschäfte gibt, die Wege die meine Reifen ramponiert haben, die Schläuche, die laut Hersteller zwar ultra-leicht aber scheinbar auch ultra- scheiße sind.

Es kommt also viel zusammen in diesem Moment und ich brauche eine Weile bis ich mich wieder gefangen habe. Wenn ich jetzt hier rumheule bringt mich das erstens nicht weiter und zweitens merkt es eh kein Schwein. Ich fange an mein Rad zu schieben. Laut Navi sind es zur Nächsten Bushaltestelle und damit bis zur Anbindung an eine Infrastruktur noch 7 km. Auch wenn von dort heute kein Bus mehr fahren sollte, so kann ich dort vielleicht übernachten. Essen hab ich noch genug. Scheiße ist das trotzdem.

Ich muss nicht lange schieben, denn hinter dem nächsten Hügel treffe ich auf meine Schutzengel. Ein Ehepaar Louise und Dominik mit ihrem Pickup kommen mir entgegen. Sie halten an. Wir verstehen uns sprachlich zwar so gut wie überhaupt nicht. Deutlich wird jedoch, dass ich ein Problem habe. Ich brauche Ersatzteile für mein Rad und diese gibt es hier mitten im Nirgendwo nicht.

Als die beiden meine Lage verstanden haben laden sie mein Rad auf die Ladefläche ihres Pickups mich auf die Rückbank zu ihrem Hund und fahren mich einen 20 km weiter Umweg nach Sainte-Menehould. Dort halten sie vor einem Fahrradladen um mir zu zeigen wo dieser ist. Dieser  hat zwar mittlerweile geschlossen doch das ist mir heute wirklich egal.

Louise und Dominik laden mich im Zentrum von Sainte-Menehould ab. Sie weisen auf das ansässige Hotel und auf die Restaurants. Meine Dankbarkeit findet keine Worte in diesem Moment, erst recht nicht auf Französisch. Eine angemessene Gabe werde ich den beiden per Post schicken. An die Adresse die sie mir auf einen Zettel geschrieben haben. Danke danke danke!

Das  Hotel in Sainte-Menehould kostet 60 Euro pro Nacht. Ein Preis den ich bereit wäre zu zahlen angesichts meiner Strapazen heute. Doch das Hotel ist ausgebucht. So sagt man es mir zumindest an der Rezeption. Das muss ich akzeptieren, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es vielleicht auch an meinem äußeren Erscheinungsbild liegt, das ich der kritisch blickenden Rezeptionistin biete. Auch egal. Schlafen kann ich überall.

Ich schiebe mein Rad stadtauswärts auf der Suche nach einem Schlafplatz. Immerhin ist es noch nicht dunkel, so fällt die Suche leichter. Währenddessen komme ich an dem Fahrradladen vorbei um festzustellen, dass dieser morgen ab 9:00 Uhr geöffnet hat. Damit steht fest, dass ich alle Zeit der Welt habe. An einem Getränkeautomat an einer Waschanlage finde ich endlich auch etwas zu trinken. Kein Wasser zwar, doch drei Dosen Eistee vermögen es meinen Dust zu stellen. Mein Kleingeld reicht sogar noch für zwei weitere Dosen auf Reserve.

Ich finde meinen Schlafplatz hinter einem ALDI. Ja auch den gibt es in Frankreich. Hier wird es keinen stören, dass ein Radfahrer seinen Schlafsack ausrollt. Außerdem kann ich dort morgen früh einkaufen gehen.

An diesem Abend schlüpfe ich früh in meinen Schlafsack. Mein Körper und auch meine Nerven brauchen dringend eine Pause. 166 km stecken mir heute in den Beinen und  obwohl es noch nicht ganz dunkel ist schlafe ich trotz deftigen Sonnenbrand wieder nach gefühlten 30 Sekunden ein.

Tageskilometer: 166km – Kilometer bisher insgesamt: 417 km

Fortsetzung hier.

Strava: https://www.strava.com/activities/1051365810/embed/744df6b27ae8aeb6671247fad3c41214efad859b

Für den Film der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser:

 

 

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 2

Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 2

Fortsetzung von Teil 1.

Der erste Tag: Lange gerade Straßen, viele Hügel.

Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen es am ersten Tag ruhig angehen zu lassen. Nichts zu überstürzen. Ersteinmal reinkommen. Meinen Tritt finden und sich auf keinen Fall übernehmen.

Ich habe mir jedoch auch schon einmal vorgenommen niemals wieder zu rauchen oder früh genug mit der Steuererklärung anzufangen. So ist das mit den Vorsätzen. Sie sind einzig und allein dafür da um gebrochen zu werden. Warum sich auch künstlich bremsen wenn es einfach wunderbar läuft?Denn genau das tat es an meinem ersten Tag. Es lief. Er lief sogar sehr sehr gut.

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Mein Wecker klingelt um 7. Da bin ich allerdings schon wach. Wie lange schon weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls bin ich bereit um los zu starten. Ich bin noch nie ein Frühaufsteher gewesen, doch heute ist das wohl anders. Immerhin ist heute der Tag, auf den ich schon lange hingefiebert habe. Im Bett ausschlafen, würde ich in einer Woche wieder genug können. Ach was? Ich habe sogar das Gefühl die letzten Jahre genug ausgeschlafen zu haben um diese Woche einfach durchgehend Fahrrad fahren zu können. Soweit zu meinem Energielevel.

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Gegen halb acht frühstücke ich eine kalte Pizza an der Küste des Ärmelkanals, einen Kaffee finde ich leider nicht. Es ist Sonntag und wahrscheinlich noch zu früh. Ich treffe nur auf andere Frühaufsteher, die am Hafen ihre Runden laufen. Jetzt geht es los. Ein paar Fotos und Videos machen, mehr als ein Ritual als irgendetwas anderes, dann endlich losrollen.

Früh unterwegs zu sein ist wunderbar. Besonders auf dem Rad. Die Luft ist angenehm mild, die Straßen angenehm leer. Angenehm. Mein Start der Tour war einfach gesagt angenehm. Die vergangene Woche hatte ich nicht viel getan außer herum zu liegen und zu essen. Das merke ich jetzt. Meine inneren Speicher sind aufgefüllt, ich fühle mich ausgeruht und weil das so ist, trete ich fleißig meine ersten Kilometer in die wunderschöne Landschaft der Normandie. Hatte ich mir das so vorgestellt? Einerseits ja und andererseits auch wieder ganz anders. So wie es immer ganz anders ist, wenn man mitten in dem steckt was man sich Monate vorher ausgemalt hatte.

Als ich durch einen Vorort von Le Harve fahre bauen diverse Bauern garde ihre Stände für den Wochenmarkt auf. Alles Mögliche bieten sie an, unter anderem auch lebende Hühner und Kaninchen warten in kleinen Käfigen auf ihren nächsten und vermutlich letzten Besitzer. In einem Straßencafe sitzen alte Männer beim Kaffee. Ich würde gerne meine drei französischen Wörter benutzen um auch einen Kaffee zu bestellen doch meine Beine erlauben es mir nicht. Meine Beine wollten weiter. Ich darf jetzt noch keine Pause machen. Dafür ist mein Vorhaben noch viel zu groß und mein vor mir liegender Weg noch viel zu weit.

Während ich weiter meiner Route folgte und meine Gedanken mehr und mehr darum kreisten, wie weit ich heute wohl fahren werde, fällt mir auf, dass die meisten Orte, durch die ich fahre sehr leer sind und, dass der Wochenmarkt von heute morgen das lebendigste Treiben sein langen war. Irgendwo muss ich heute noch etwas zu Essen finden.  Doch die die Straßen sind ruhig und unbelebt, was auch an den Temperaturen liegen kann. Mein Thermometer zeigt 35 Grad. Auch in der Hinsicht ist meine Reise anders als erwartet. Von den letzte Woche angesagten 20 Grad ist nur wenig zu spüren. Ich schwitze weiter Kilometer für Kilometer. Ich komme sehr gut voran und, dass ich keine Geschäfte zum Essen kaufen finde ist zunächst gar nicht mal so schlimm, denn noch habe ich einen ausreichenden Vorrat an Riegeln dabei.

Was ich vorher schon wusste ist, dass die Normandie hügelig ist. Darauf habe ich mich schon eingestellt. Was ich nicht wusste ist wie unglaublich lang und gerade die Straßen hier sind. Weite Linien ziehen sich über die Felder und wenn man sich umsieht staunt man wie weit das eben noch durchquerte Dorf zurück liegt.

Dass die Straßen in diesen Dörfern leer sind wird dann zum Problem als meine Trinkflaschen sich weiterhin schneller leeren als gedacht. Bisher bin ich nur an einem einzigen Wasserhahn, an einem Parkplatz für Wohnmobile, vorbei gekommen. Die Hitze zieht die Flüssigkeit literweise aus meinem Körper und darum biege ich auch sofort ab, als ich sehe, dass ein  Parkplatz an einem Supermarkt nicht ganz so leer ist, wie die anderen, an denen ich bis jetzt vorbeifuhr. Der Markt scheint geöffnet zu haben. Trotz Sonntag. Auch wenn es sich um eine Art Baumarkt oder Markt für Garten und Strandbedarf handelt, so finde ich einen Kühlschrank mit Getränken. Kaltes Wasser und außerdem Cola. Oh, wie wundervoll kalte Cola schmecken kann! Cola, sollte der Begleiter der nächsten Tage werden, verspreche ich meinem Körper. Wann immer sich die Gelegenheit bieten wird, werde ich Cola trinken. Flüssigkeit und Zucker. Die Dinge, die ich gerade am meisten verbrauche.

Nicht nur meinen Zuckerhaushalt sondern auch meinen Wasservorrat fülle ich wieder auf, als ich beschließe auf dem kommenden Weg keine Gelegenheit auszulassen meine Flaschen aufzufüllen. Zu denken, dass noch etwas besseres oder ähnliches kommen wird, ist ein Fehler, denke ich, während ich merke: ich bin genau in dem Abenteuer auf das ich mich schon so lange gefreut habe und eben darüber bin ich sehr glücklich. Vor lauter Glück fahre ich weiter und merke erst 20 Kilometer später, dass ich meine gesetzte Mindestanzahl an Kilometern schon lange überschritten habe. Doch es fährt sich einfach zu schön durch das sonnenerwärmte Frankreich und meine Beine haben genug Power.

Mein Weg führt mich weiter durch viele kleine und größe Orte. Ab und zu finde ich eine Tankstelle oder einen kleinen Laden in dem ich Wasser oder etwas zum daran beissen finde. Im Nachhinein werde ich froh um jede Foto- oder Videoaufnahme sein, denn vor lauter neuer Eindrücke kommt mein Gehirn mit dem Verarbeiten der hinter mir liegenden Strecke irgendwann einfach nicht hinterher.

An was ich mich erinnere sind lange gerade leere Straßen, verschlungene Wirtschaftswege, perfekt ausgebaute Radschnellwege, heruntergekommene und gepflegte Wohnhäuser. Prachtvolle Kirchen, Klöster, Rathäuser vor denen die Französische Fahne in meinem Gegenwind weht. Wahlplakate des Front National und alte Frauen, die im Schatten ihres Gartens schlafen. Platte Reifen zwei, vielleicht auch drei. All diese Erinnerungen werden im Laufe der Zeit verschmelzen, sich vermischen und durcheinander geraten. An was ich mich nicht erinnere ist, dass ich mich zu irgendeinem Zeitpunkt des Tages am falschen Platz gefühlt hätte.

Gegen Abend komme ich in Beauvis an und bin jetzt schon weiter gefahren als an irgendeinem anderen Tag meines Lebens als zuvor. 172 km stehen auf meinem Tacho. Eine absurde Zahl für mich. Aber kein Wunder, wenn man den ganzen Tag im Sattel verbracht hat und außer ein paar kleiner Verschnauf- oder Colapausen nicht wirklich länger an einem Ort geblieben ist.

In Beauvis haben auch kleine Restaurants geöffnet, was mir mehr als gelegen kommt, denn ich habe mir vorgenommen, einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Ich parke mein Rad vor dem erstbesten Restaurant, einem südländischen Imbiss, und gebe in meinem Englisch-französisch-handzeichengemisch zu verstehen, dass ich das größte und teuerste Menü auf der Karte haben möchte. Einen Dönerteller dieser Größe habe ich zuvor auch noch nicht gesehen, geschweige denn bis auf den letzten Bissen gegessen. Vieles passierte heute zum ersten Mal.

Die Pause tut mir gut. Auch wenn ich die 170 km bisher ohne größere Beschwerden durchgefahren bin, merke ich, dass ich meinem Körper seine Pausen gönnen sollte. Ansonsten werde ich schneller platt sein als meine Reise andauern wird.

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Soweit die Vorsätze. Ich bin ausgeruht und wenn nicht heute, wann dann werde ich wieder die Gelegenheit haben 200 km am Tag zu fahren? Die dreißig Kilometer mehr machen den Braten auch nicht fett, denke ich mir, und so soll es auch passieren. Ich rolle weiter und die untergehende Sonne lässt meinen Schatten immer weiter über die endlosen Felder wachsen.

In Clermont zeigt mein Radcomputer 200 km an und ich finde endlich meinen Kaffee in einem Schnellrestaurant und weil der so lecker schmeckt bestelle ich gleich noch einen zweiten. Draußen wird es langsam dunkel.

Irgendwas stimmt nicht mit mir, denke ich. Trotz der unsagbar vielen Kilometer, die meine Beine heute schon weg gekurbelt haben, will ich weiter fahren. Das liegt wohl zum einem am Koffein in meinem Blut und zum zweiten auch daran, dass ich mir kein bestimmtes Ziel für heute gesetzt habe. Meinen Schlafplatz für die Nacht wollte ich mir so oder so im Freien suchen.

Also ziehe ich mir meine Warnweste über, wie es in Frankreich Pflicht ist, wenn es dämmert, und gebe meinen Fahrradlichern Strom. Die Akkus sind voll und auch ich bin noch nicht ganz leer. Warum eigentlich nicht? Ich habe keine Ahnung.

Mit der einsetzenden Dämmerung schwindet nach und nach auch die Hitze des Tages und so fällt es mir nicht schwer immer weiter und weiter zu fahren. Frankreichs Straßen bei Nacht. Wunderbar. Ich bin weiterhin unterwegs und denke mir, dass ich jeden Kilometer, den ich heute schaffe die nächsten Tage weniger fahren muss.

Irgendwann leuchtet die Anzeige von meinem Vorderlicht rot statt weis, was wohl ein Zeichen dafür ist, dass der Akku nicht mehr lange halten und mein Licht nicht mehr ewig leuchten wird. Mehr als weit genug bin ich für heute schon lange gefahren und so halte ich allmählich Ausschau nach einem Schlafplatz.

Mein Plan, sich zum Schlafen, in den Wald zu legen wird durchkreuzt von meiner Angst. Ich beginne mich zu fürchten, als der Nebel in meinem Scheinwerferkegel immer dichter wird. Um mich herum herrscht absolute Finsternis. Meine Lampe leuchtet zwar noch hell genug um die Straße zu erkennen, doch von meiner Umgebung sehe ich quasi nichts. Ich kann mir auf keinen Fall vorstellen mich hier an den Waldrand zu legen. Außerdem riecht es plötzlich nach Wildschwein. Nein hier in diesem Wald werde ich nicht schlafen können.

Ich beschließe meinen Schlafplatz in der Nähe von Häusern, also auch in der Nähe von Lichtern zu suchen. Hier mitten im Wald ist es mir einfach zu gruselig. Die Nebelschwaden und meine Fantasie tun ihr übriges. Als dann plötzlich mein Vorderlicht ausgeht und ich in absoluter Finsternis stehe werde ich fast schon panisch. Ich krame meine Stirnlampe aus der Rahmentasche und stecke mein Vorderlicht an meinen Akkupack. Das heißt ich kann das Vorderlicht zwar nicht benutzen, während es läd, doch meine Stirnlampe soll  genügen.

Also lege ich vor lauter Furcht vor den, in meiner Phantasie mich verfolgenden Zombiewildschweinen, noch einen kleinen Spurt auf die Landstraße, bis ich endlich einen kleinen verschlafenen Ort erreiche. Ich fühle mich, auch wenn hier die Straßenlaternen nicht mehr leuchten, sofort sicherer.

Als ich endlich meinen Schlafplatz, in Form einer Baggerschaufel, in der ich samt Rad und Schlafsack blicksicher Platz habe, finde ist es 1:30 Uhr und mein Radcomputer zeigt 251 km an. 251 km am ersten Tag. Was das genau bedeutet kann ich noch nicht ganz begreifen. Fest steht nur: Ich bin heute sehr viel Rad gefahren. So viel wie noch nie zuvor. Ich fühle mich prächtig. Nach gefühlten 30 Sekunden im Schlafsack schlafe ich ein. Was für krasser erster Tag.

Fortsetzung  hier.

Strecke auf Strava.

Für den Film der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser: