Sodoku

Gerade heute Mittag habe ich etwas sehr seltenes gesehen. In der S-Bahn hat sich ein Mann mittleren Alters, er trug geschäftsmäßige Kleider und einen Aktenkoffer, neben mich gesetzt. Als er dann saß hat er seinen Koffer geöffnet und ein Blatt Papier zurechtgelegt. Ich war neugierig und sah genauer hin. Der Mann begann tatsächlich ein selbst aufgedrucktes Sodoku weiter zu bearbeiten. So etwas habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Die meisten Menschen die ich in den öffentlichen Verkehrsmitteln sehe starren auf ihre tragbaren Spielkonsolen, schütteln und streicheln ihre iPhones oder sind in ihre eBooks vertieft. Zumindest haben sie jedoch Musik auf den Ohren. Im Grunde nichts Anders als bei dem Herrn neben mir aber mich hat der Anblick, dieser fast schon veralteten Art der Beschäftigung, mit komplett analogen Mitteln, begeistert. Auch habe ich schon lange nicht mehr gehen das in der S-Bahn getrickt wurde.

Jedenfalls hat mich diese Beobachtung wieder auf etwas gebracht. Warum sind die meisten Menschen sobald sie aus der Türe gehen verkabelt. Wir sind ständig unterhalten, beschallt und dank mobilen Internet jetzt ständig vernetzt. Das ist ja auch nicht schlecht. Es ist ja auch wahnsinnig beruhigend den Nachbarinnen im Zug nicht zuhören zu müssen oder unfreiwillig Teil eines Telefonats zu werden. Ich genieße es auch hin und wieder eine Fahrt zu nutzen um zwischendurch meine Mails zu beantworten oder meine Termine neu zu ordnen. Was ich aber festgestellt habe ist das eben diese Gespräche und Beobachtungen eine Bus- oder Bahnfahrt sehr viel interessanter  machen. Die Musik die ich unterwegs höre kann ich zuhause genauso gut oder ehrlich gesagt noch besser hören. Die Menschen um einen herum zu beobachten jedoch ist tausendmal besser als Fernsehen. Das ist meiner Meinung auch kein Voyeurismus sondern vielmehr ein gesundes Interesse an seiner Umwelt.

Immer öfter lasse ich meine Kopfhörer zuhause und mein Spielzeug in der Tasche; und das aus guten Grund. Eine Stunde in Bus und Bahn ist lange nicht so sehr vergeudet wenn ich anfange raus aus meiner beschallten Displaywelt zu treten und anfange zu beobachten. Erst dann kann ich mich für die Menschen die diesen Stadteil oder dieses Abteil mit bewohnen interessieren. Die Anonymität, über die sich viele immer beschweren, beginnt dort wo du anfängst dich zurück zu ziehen.

Also raus aus der Blase und rein in das Leben das tatsächlich neben dir stattfindet. Der Mensch braucht kein Reality-TV wenn die Realität vor der Türe beginnt.

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2 Kommentare zu „Sodoku

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