Die Geschichte von dem Ring

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Ich bin auf dem Weg nach Hause. Ein normaler Nachmittag an irgendeinem  normalen Wochentag. Völlig unverhofft sehe ich etwas auf der Straße liegen: Einen Ring. Golden, relativ schwer und in Siegelringform. Auf der Vorderseite ist schemenhaft ein gefiedertes Tier in Wappenpose zu erkennen. Ein klassischer Ring für einen nahöstlichen Obst-, Gemüse,- oder Handyverkäufer. Schon klar – politisch nicht ganz sauber ausgedrückt aber ich möchte meinen Lesern nur die Vorstellung des beschriebenen Objektes ermöglichen. Kann ich auch nichts dafür wenn man* immer in Schubladen denkt.

Ich finde also diesen Ring und schon fängt mein Kopf an zu rattern: „Super ein Ring!“ Leider trage ich nur selten jenseits der fünften Jahreszeit oder bei schauspielerischen Ausführungen Schmuck dieser Art und auch sonst bin ich nicht sofort der Meinung, dass dieser Ring meine äußere Erscheinung abrunden könnte. Aber einen goldenen Ring wieder auf die Straße zu legen widerstrebt wiederum aller Vernunft. Es könnte jemand den Ring an sich nehmen der in seinen Wertvorstellungen und Finanziellen Möglichkeiten aus Sicht der kosmischen Gerechtigkeit weniger mit dem Ring anfangen könnte oder ihn sogar weniger verdiente als ich. Also schreib ich mir die Adresse auf bei welcher ich den Ring gefunden und mir zugleich die Frage gestellt habe: Was mach ich jetzt nur.

Schon jetzt komm ich nicht mehr umhin den Begriff der Moral anzubringen. Was darf ich tun wenn ich einen Gegenstand auf der Straße finde. Behalten? Zum Fundbüro bringen? Verkaufen? Mit dem Verkauf des Ringes würde ich zweierlei gutes tun, bilde ich mir ein: Einen großzügigen Finderlohn von 100% des materiellen Wertes und außerdem beschere ich dem ursprünglichen Besitzer die Möglichkeit sich einem weitaus weniger hässlichen Ring zu besorgen. Schon klar ich bewege mich gefährlich nahe an der Aussage, dass nahöstliche Obst-, Gemüse,- oder Handyverkäufer hässliche Ringe tragen würden aber das soll hier nicht das Thema sein. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten oder zumindest verhandeln aber das möchte ich jetzt nicht. Aus meiner Sicht würde ich also der Welt etwas gutes tun wenn ich dieses Stück Metall einschmelzen lassen würde.

Ich kämpfe also mit meinem Gewissen. Abgeben und eventuell einen Finderlohn abgreifen hätte den Vorzug eines guten Gewissens. Verkaufen und das Geld sofort auf den Kopf hauen? Verkaufen das Geld spenden? Was mach ich nur mit dem Geld? Moment! Welches Geld? Hat der Ring überhaupt irgendeinen finanziellen, materiellen Wert? Meine Goldschmiedekenntnisse reichen leider nicht aus um die Echtheit des Schmuckstückes zu bestätigen. Kann ich mir überhaupt schon Gedanken machen wofür ich wie viel Geld und ob überhaupt ausgeben werde?

Also: Als erstes muss der Wert dieses glänzenden Etwas bestimmt werden und wo könnte man dies besser tun als am Hauptbahnhof? Im Viertel südlich des Münchner Bahnhofs, welches im münchner Volksmund auch als „little Istanbul“ oder in meinem Freundeskreis auch als Jalla-jalla-vieltel bezeichnet wird befinden sich alle 10 Meter, neben Import-, Marijuanabedarfs-, Reis oder Schuhgeschäften kleine Etablissements welche sich optisch wie auch in ihrem Zweck nicht unterscheiden: Goldankaufläden. Hier möchte ich das Stück Metall zum Wertschätzen geben. Vielleicht sind meine ethischen Bedenken den Ring zu behalten völlig nichtig oder zumindest von sehr viel weniger von Bedeutung. Wobei sich die Frage grundsätzlich immer noch stellt ob ich etwas behalten darf was ich auf der Straße finde von dem ich weiß dass es mir nicht gehört. Doch mit diesen Fragen möchte ich ich erst beschäftigen wenn ich den wirklichen Wert des Ringes weiß.

Meine Euphorie über den Fund des Tages lässt so schnell nach wie meine ethischen Bedenken geschwunden sind. Der Goldspezialist sagt mir nachdem ich seinem Sohn geholfen hatte seine Hausaufgaben zu machen mit einem kurzen Blick auf den Ring dass dieser ein Stück Blech ist.

*Die männliche Form wurde in diesem Text stellvertretend für alle erdenklichen Geschlechter, Lebensformen und Geisteshaltungen verwendet.

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