Alpencross Teil 4/4

Fortsetzung von Teil 1, Teil 2 und Teil 3

Tag 6: Vor lauter schlechtem Gewissen haben wir uns gestern nicht getraut Bescheid zu geben das wir eher früher ausstehen würden, weil wir ja wieder einen langen Tage vor uns haben werden. Daher machen wir uns um 7 Uhr so auf die Suche nach Frühstück. Eine Italienische Mama mit Haaren passend zu ihrem grauen Kleid hat offensichtlich Frühschicht und deckt mit knappen Sätzen unseren Frühstückstisch. Zwischendurch nur mal die kurze Frage nach dem Wohlbefinden: „bene?“

Alles „bene“ heute Morgen und so ist innerhalb einer Stunde der Bauch gefüllt, der Hintern wieder gepolstert und unser Pferdeersatz aus der Abstellkammer befreit. Weiter geht’s. Die letzte ganztäge Etappe beginnt. Dieser Tatsache bewusst treten wir fast mit etwas Wehmut unserem Ziel entgegen. Wir durchqueren mehrere italienische Dörfer und kämpfen uns den Forstweg entlang nach oben. Nach oben, nach oben und immer noch nach oben. Wie denn auch sonst? Wir sind es mitlerweile gewohnt. Wieder durchqueren wir ein stilles Skigebiet und nach einiger Anstrengung – mehr Geschiebe als tatsächlichem Fahren – erreichen wir unseren vorerst höchsten Punkt für heute. Weiter nach oben werden wir wohl nicht mehr so schnell kommen. Anlass für ein Gipfelbier. Die Sonne lässt es gerade noch zu und auch die Chips Dürfen wieder nicht fehlen.

Endlich darf ich meine Gabel wieder fordern, denn jetzt geht es erstmal ordentlich bergab. Schön dass das auch mal wieder sein darf. Die Landschaft ändert sich zusehends. Der Hauptkamm der Alpen und das hochalpine Gelände liegen jetzt deutlich hinter uns. Fast schon Bayrisch-alpin könnte man die Gegend die wir durchfahren beschreiben. Wären nicht die atemberaubenden Felsgiganten die unseren Weg flankieren. Mächtig und grau ragen hier Ausläufer der Dolomiten Richtung Himmel. Wie unterschiedlich die Alpen sich geben dürfen wir auch heute wieder erstaunt feststellen.

Es zieht und zieht sich weiter Richtung Gardasee, der  nach unseren Schätzungen keine 60 km Luftlinie mehr  entfernt sein kann. Zuhause werde ich allen denen ich von meiner Reise erzähle klarmachen, dass es nicht die Kilometer sind die eine Überquerung anstrengend machen, sondern dass Gewicht und Schwerkraft einem vor allem in den Höhenmetern das Leben schwer machen. Höhenmeter liegen noch einige vor uns sowohl bergauf als auch bergab. Immer wieder werden unsere Anstrengungen belohnt mit schönen Trails die anscheinend immer leichter und sportlicher von der Hand gehen als noch am Anfang unseres Unternehmens.

Gerade feiere ich einen dieser Pfade besonders gekonnt ab, als mein Hinterreifen versagt. Der erste Platten. Wir hatten ihn schon fast erwartet. Langsam machen sich tatsächlich immer mehr Verschleisspuren an den Bikes bemerkbar. Die bisherige Strecke haben die drei Räder gut gemeistert und dabei haben sie ordentlich eingesteckt. Doch meine Bremsen sind mittlerweile fast am Ende ihrer Belags-Reserven, auch Johannes seine Entschläungungsmaschiene will mittlerweile mit Samthandschuhen angefasst werden. Lennart und meine Sattelstütze halten eher schlecht als recht und Lennarts hintere Schaltung hängt mittlerweile nur noch an einigen wenigen Fasern des Drahtzuges. Mein Reifen hat anscheinend eine schlimme Kante abgekommen und wird mit einem Reifenpflaster notdürftig geflickt. Wenn das mal alles gut geht?

Mit dieser Hoffnung geht es weiter Richtung Tal. Doch nach einigen hundert Metern muss mein Schlauch wieder ausgetauscht werden. Schon wieder ein Platten. Wenn schon nicht die letzten fünf Tage dann schon alle innerhalb einer Stunde scheint die Regel zu sein und so verzögert sich unsere Weiterfahrt schon wieder um einige wertvolle Minuten.

Unsere zurückgelegte Strecke erlaubt uns noch keine Pause. Zu viele Meter liegen noch vor und über uns. Mit Hilfe von Höhenmesser, GPS und Uhr teilen wir uns unsere Kräfte ein, während wir uns unseren Weg auf Forstwegen inmitten von bergigen Traumlandschaften weiter suchen. An einem unerwartet schönen Gebirgssee machen wir letztendlich doch Rast. Leckeres Essen, Super Begleiter, passendes Wetter und eine himmlische Aussicht. Was für ein perfekter Moment. Wären da nicht diese gewissen deutschen Stimmen die immer lauter und lauter werden. Eine Gruppe junger Mountainbiker bewegen sich lauthals an uns vorbei. Quasselnd und dröhnend. Es ist ja allgemein gekannt, dass Deutsche sich für ihre Landsleute im Ausland immerzu schämen aber diese Situation lässt uns schon fast wütend werden. Die Berge für sich alleine haben zu wollen wäre vermessen aber wenigsten die Klappe halten zu können, ist nicht zuviel verlangt. Biken können sie auch nicht. Davon können wir uns überzeugen als wir die Meute beobachten, die sie sich den Wurzelpfad am Seeufer entlangquält. Fünf Tage Trailfahren haben die offensichtlich nicht hinter sich.

Endlich verstummen die Stimmen im Wald und wir genießen noch 45 Minuten Pause, Bergschinken, Bergkäse und Bergblick. Lennart versucht sich als Fischer mit bloßen Händen und verbraucht dafür Unmengen an Trockenbrot. Angespornt von meinem Versprechen: Ich würde jeden Fisch unter 10 cm den er mit der Hand fängt roh verspeisen wir der Jäger immer ehrgeiziger doch ich darf mit leerem Hals weiterfahren. Zum Glück.

Eine Tragepasage und eine Stunde Später geht es endlich wieder bergab. Unser Wasser ist leer, das macht mir langsam Sorgen und meine hintere Bremse benutze ich mittlerweile nur noch in Notfällen. Der Grad läutet die letze Abfahrt für ein. Geschwindigkeitsrausch! Der Tacho überbietet sich Minütlich, 4o – 45 – 50 -58 kmh! Halsbrecherisch schnell geht es ab nach unten. Die Bremsen müssen schließlich geschont werden. So pfeifen wir unsere Landsleute, die schneller als gedacht eingeholt sind, auch schnell zur Seite und lassen diese nur vedutzt am Wegesrand stehen. Wenn schon kein Wettkampf innerhalb der Gruppe dann wollen wir uns wenigsten mit anderen Gruppen vergleichen dürfen. Wir schneiden nicht so schlecht ab.

Die Raserei nimmt ein abruptes Ende als ich plötzlich neben einem Gasthaus in die Eisen trete und vorschlage gleich hier zu übernachten. Warum nicht? Den Rest der Abfahrt können wir uns auch für morgen aufheben, ein schöneres Anwesen zu finden wird sicherlich nicht einfach und der Preis stimmt auch. Unser letzter Abend lässt sich in folgenden Worten beschreiben: Dusche, Nudeln, Weizen und Bett. Ein anstrengender schöner Tag geht vorüber.

Tag 7:
Der letze Tag. Noch eine halbe Etappe. Heute Mittag werden wir am Ziel angelangt sein! Es endet heute. Das schöne Haus wird zurückgelassen und der Rest der Abfahrt noch ordentlich runtergeheizt. Da ist die Müdigkeit schnell vergessen.

Die kommenden Kilometer bin ich ganz außer mir vor Vorfreude und Stolz. Ich kann kaum aufhören Fotos zu schießen. Jeden Moment möchte ich festhalten so schnell wird es vorbei sein. Wie ein Mädchen auf Klassenfahrt. Die Orte die wir durchfahren sind zunehmend größer und immer touristischer. Wir merkt, dass wir Richtung Gardasee, Richtung Deutsch Zone kommen. Einen Abstecher, weg von der Hauptstraße, in den Wald und noch einmal bergauf gönnen wir uns. Noch ein paar Stunden Schwitzen, auf absurd steilen Pfaden. Wir ertragen die Anstrengun und unsere Bikes nach oben um noch ein letztes Gipfelbier zu trinken. Landschaftlich sind wir nicht mehr leicht zu begeistern. Zu normal, zu deutsch sieht das hier alles aus.

Begeistern kann uns nur noch der abschließende Trail! Anspruchsvoll und gerade noch fahrbar. Wir zeigen was wir die letzte Woche gelernt haben. Felsig und super schmal. Ein würdiger Abschluss für unseren Alpencross. Den Trail unter den Reifen lasse ich die Gedanken wandern, an die zurückgelegten Strecken. Das war der Fehler. An einem flacherem Stück kommt mein Sturz. Ich verkannte an einem großen Stein, verliere die Kontrolle und werde drei Meter weiter auf den Boden geschleudert. Meine Seite und auch mein Knie schmerzen. Zum Glück nicht mehr passiert. Die letzten Meter heißt es Zähne zusammen beißen, Zucker schlucken und den Schmerz runterschlucken. Gleich ist es geschafft.

Und tatsächlich: hinter einigen Kurven verlassen wir das waldige Gelände und wir stehen oberhalb eines Weinberges. Vor uns erstreckt sich, in strahlendem Sonnenschein: Der Gardasee! Wir können es kaum erwarten. Alle Anstrengungen sind fast überstanden. Nur noch bergab durch die Weinberge. Wir haben Arco erreicht.
Was als nächstes kommt hat mit einem Alpencross nur wenig zu tun. Deutsche wohin man sieht und Bikerposer soweit das Auge reicht. Nach einer Pizza in Arco verlassen wir so schnell es geht den Touristenort und strampeln die letzten Meter Nach Nago. Wir wünschen uns nichts sehnlicher als ein alkoholisches Getränk, eine Dusche und saubere Kleidung. All das sollen wir bekommen. Verdient ist verdient


Fazit:
Selten liegen zwei Extreme so eng zusammen wie auf einer Alpenüberquerung. Wenn ich die ganze Aktion in zwei Worten zusammen fassen müsste würden diese sein:
Schweiß und Glück, bergauf und bergab, Fluch und Segen oder eben absolutes Glück und übles Verzweifeln. Diese beiden Extreme wechseln sich täglich mehrmals, wenn nicht stündlich ab. Ebenso die Art des Weges. Asphalt, Forstwege, Singletrails, Matsch oder auch nackter Fels. Man fährt mit kriminell schneller Geschwindigkeit den Berg nach unten oder trägt sein Fahrrad mühsam mehrere Stunden den Berg nach oben.

Genau in dieser Ambivalenz liegt der Reiz der Sache. Weinen vor Gück oder aus Verzweifeln. Oft war ich mir selber nicht sicher. Sicher bin ich mir aber bei einer anderen Frage. Dieser Alpencross wird nicht der letzte gewesen sein den ich gemacht haben werde. Ich habe Blut geleckt ich will mehr. Mehr an meine Grenzen kommen und mehr pures Naturerleben.

A und O des Erfolges war der großartige Teamgeist unter uns drei Jungs. Danke an dieser Stelle für eure Geduld über eure Unterstützung, die ermutigenden Worte und vor allem den Mordspaß. Ihr wart großartig, euch nehme ich wieder mit, denn ihr habt mich auch überall mit hochgenommen.

Alle Bilder gibt es übrigens hier.

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