Halt die Fresse…Scheißkind!

Dieser Text ist für alle jungen Eltern dieser Welt. Dafür, dass ihr euch an Lärm und wenig Schlaf gewöhnt habt und dafür, dass ihr immer noch in der Lage seid eure Kinder zu lieben. Ich wünsche euch Frieden. Peace!

Was ist erlaubt? Ich sitze im Zug und fahre nach Hause. (Wohin ich fahre ist allerdings nebensächlich) Neben mir eine Gruppe mittdreißiger Weiber, deren Austausch darin besteht, sich über ihre alte Bekannten, Nachbarinnen, Kolleginnen und ihre jeweiligen Erziehungsmängel auszulassen.

Gegenüber von mir sitzt ein Südländer, der in ein Fachmagazin vertieft scheint. Diese beiden Gruppen meiner Mitfahrer stören mich nur wenig bis gar nicht. Der Südländer hat seine Jacke aufgehoben damit ich Platz nehmen kann und das Beschwerdenkollektiv neben mir lästert fröhlich über mir unbekannte Personen. Nicht gerade mein Ding aber sie erwarten immerhin nicht von mir, dass ich mich beteilige.

Die Störenfriede sind eher die anderen Mitfahrer. Mit uns im Wagen sind noch drei junge Familien mit – Sie ahnen es – kleinen Menschen. Man nennt solche auch Kinder. Diese Feststellung ist kennzeichnend für die Stimmung innerhalb des Personenzuges.

Ich möchte vorausschicken: ich komme aus einer großen Familie, ich liebe Kinder sehr. Ich habe über ein Jahr in Kindergärten gearbeitet und diese Arbeit sehr gemocht. Ich bin  außerdem nicht der Typ Mensch, der die Polizei ruft wenn Kinder lachen während sie auf der Straße spielen und der Ausdruck „Scheiß Kinder“ gehört nicht in meinem täglichen Sprachgebrauch.

Dennoch passiert es mir, dass ich mich durch Kinder und den Lärm den letztere auslösen gestört fühle. Das ist in Ordnung, denn schließlich sind Kinder Kinder und Kinder sind zumal auch anstrengend. Kinder haben Bedürfnisse und Kinder artikulieren sich auf eine Art die sich in mancher Hinsicht von der der Erwachsenen unterscheidet. Kinder sind manchmal auch laut.

Hier sind wir schon bei der Problematik: Wenn man sich über die Lautstärke von Kindern gestört fühlt, muss man unglaublich aufpassen wie man dies ausdrückt. Nur ein Quäntchen an falscher Tonlage oder auch ein Fünkelchen Unfreundlichkeit bei der Gebärde nach Senkung der Lautstärke, lässt einen sehr schnell als ignoranten Grantler dastehen. Menschen die keinen Kindergarten in ihrer Nachbarschaft haben wollen und für die Spielplätze in weitem Bogen zu meiden sind.

Daher muss ich aufpassen wie ich diese Zeilen formuliere, denn einen Grantler möchte ich nicht genannt werden, zumindest nicht heute. Ich sitze also im Zug und es ist nicht möglich mein Buch zu lesen, denn von den sechs Kindern wechseln sich drei mit dem Schreien ab. Einen Grund für das dezibelstarke Bekunden von Unmut kann ich auch nach längerem Beobachten nicht feststellen.

Auch die anderen Fahrgäste fühlen sich durch das Geschrei bei ihrem Frauenaustausch und der Lektüre von Fachmagazinen gestört. Doch etwas zu sagen, wäre zwecklos. Erstens aus oben genannten Grund, der Gefahr der Beschimpfung als einen ignoranten Grantler und zweitens weil Kinder wenn sie schreien mit Schreien und Eltern mit dem Beruhigen der Schreienden beschäftigt sind. Außerdem herrscht hier wieder einmal das Gesetz der Unzuständigkeit. Wenn keiner etwas unternimmt muss ich mich auch nicht kümmern. Dabei ist der gemeinsame Wunsch nach Ruhe, oder zumindest nach Zimmerlautstärke offensichtlich.

Nun ja ich denke die Situation ist hiermit ausreichend beschrieben. Kommen wir nun zum hypothetischen Teil:

Was wäre wenn? Was wäre wenn ich derjenige sein würde, der etwas für eine Veränderung der Situation tun würde? Was würde geschehen wenn ich zu dem Kind hingehen würde und dem Kind sagen würde: „Du, hör mal: du schreist ganz schön laut. Kannst du mit dem Schreien aufhören damit wir uns weiter unterhalten oder lesen oder über die Zusammenhänge der Welt nachdenken können?“ Was würde passieren wenn ich so etwas tun würde?

Ich stelle mir vor, dass das Kind so derart verdutzt wäre, dass es ganz vergessen würde, dass es eigentlich gerade mit Schreien beschäftig war. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich die Eltern des Zöglings von dieser Aktion nicht unbedingt angegriffen sondern vielmehr unterstütz fühlen würden. Auf jeden Fall nicht mehr als wenn ich die Eltern auffordern würde: „Entschuldigen sie bitte, könnten sie ihr Kind bitte beruhigen damit wir uns weiter unterhalten oder lesen oder über die Zusammenhänge der Welt nachdenken können?“

Selbst wenn es das Kind nicht interessieren würde, was der Mann mit der Mütze und dem Seidenschal, dem Kordsakko dem Kafkabuch und dem ipad da meint und mit der Lärmerhöhung fortfahren würde,  hätte ich es wenigstens versucht.

Ist das Verdutzen ein ethisch legitimes Mittel zur Verbesserung der Fahrbedingungen? Schließlich weiß das Kind nicht warum es plötzlich aufhört zu schreien. Ist das Manipulation oder einfach eine vernünftige Darlegung von Argumenten? Würde meine derartige Frage überhaupt etwas bewirken? Wie würden sich die anderen Fahrgäste verhalten? Eine Frage die ich meiner Leserschaft zum Nachdenken geben möchte. Eltern, Bahnfahrer und Grantler, die dieses Schriftstück lesen: was haltet ihr davon?

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2 Kommentare zu „Halt die Fresse…Scheißkind!

  1. Lieber Jo,

    als Vater zweier Kinder (bald werden es drei sein) möchte ich dir sagen dass es durchaus legitim ist, das oder die Kinder darauf hinzuweisen. Du hast recht, es ist sehr schwer in einer solchen Situation nicht als Grantler dazustehen. Wenn du es so gemacht hättest, wie du es oben beschrieben hast kann ich mir vorstellen, dass es seine Wirkung nicht verfehlt hätte.

    Denn es ist für ‚uns‘ Eltern auch nicht immer leicht, dem Nachwuchs klar zu machen dass sein Verhalten andere stört, wenn es die anderen (in einer kindgerechten Art und Weise versteht sich), nicht zeigen. Ich kann und will nicht meine Erziehungsaufgabe an andere übergeben, aber es wäre auch mal ganz gut wenn mein, oder ‚das‘ Kind feststellt, dass Mama und Papa nicht nur hohle Phrasen dreschen („Du störst die anderen Leute hier wenn du so rumschreist“), sondern die Leute sich davon wirklich gestört fühlen.

    Also beim nächsten Mal: Trau dich. Aber wundere dich nicht darüber, wenn ein Resultat deiner Aktion das nächste Gesprächsthema bei den schnatternden Mama ist ;)

    LG
    David

    1. Vielen Dank für die Antwort!
      Was ich oben als Verhaltensmöglichkeit beschrieben habe war leider nur ein Gedankenexperiment. Zum tatsächlichen Handeln fehlte mir dann doch der Mut.
      Es ist gut zu hören, dass du als Vertreter der „anderen“ Seite hinter mir stehen würdest.
      Auf die Schratzen!

      Schönen Jahresausklang
      jo

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