Jenseits des Kanals . Gastartikel von Tobias Graßmann

Jenseits des Kanals

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Jenseits des Kanals

Wir überwinden den Bauzaun und folgen einem schmalen Trampelpfad, der zwischen einer stählernen Wand und einer von Gestrüpp bewachsenen Uferböschung entlang führt. Die dornigen Sträuche tragen schwer an unzähligen, reifen, köstlichen Brombeeren, was als Indiz dafür gelten kann, dass sich eher wenige Passanten oder Jogger hierher verirren … doch mein Gastgeber hat sich hierher verirrt, buchstäblich, und er ist dabei, ein Geheimnis mit mir zu teilen.

Wir treten aus dem Gestrüpp und erblicken … einen Garten. Als habe die Natur, nachdem sie sich die Industriebrache wieder einverleibt hatte, den ihr vor Zeiten entrissenen alten Anleger samt Betonplattform, zur Demonstration ihrer Schaffenskraft oder in bloßem, spielerischem Überschwang mittels spontaner Selbstorganisation die Fläche in Beton und Gras, einzelne Sträucher und Wege eingeteilt. Als habe sie die Grasflächen mit Spiralen von Steinen gesäumt und alsbald mit Kreide einige bizarre Graffiti an die Wand gepinselt. Und wäre all das noch nicht genug: Dem erschöpften Wanderer eine Holzbank und eine Grillstelle bereitet sowie – Ordnung muss sein – zuletzt noch einen Müllsack aufgehängt.

Natürlich hat nicht die Natur dieses wundersame Refugium hervorgebracht. Es war vielmehr Juri. Juri ist Schriftsteller und Musiker, stammt ursprünglich aus Moskau, lebt aber schon lange in Wilhelmsburg. Juri spricht nicht besonders viel, aber ist freundlich. Er kommt fast täglich zum Sport in den Garten – Schwimmen, auch im Winter, früher auch mal Yoga, aber die Matte ist kaputt. Und nach oder vor dem Sport fegt er einmal die selbst angelegten Wege entlang oder platziert ein paar der Steine um.

Wir haben bei unserem Besuch Juri getroffen und kurz darauf auch Eugen kennengelernt. Eugen ist Juris Übersetzer und – so darf man die Indizien wohl deuten – sein Lebenspartner. Auch Eugen kommt regelmäßig in den Garten und macht dort Sport, aber manchmal sind die beiden auch faul. Dann wird sich in der Badehose in der Sonne geräkelt und ab und an einer gymnastischen Dehnübung gefrönt.

Die beiden russischstämmigen Urgesteine des Viertels freuen sich außerordentlich, wenn sie Besuchern den Garten zeigen und eventuelle Vorbehalte bezüglich der Wasserqualität zerstreuen können. Nur gab es vor einiger Zeit Ärger mit Leuten, die in den Garten kamen, Dinge zerstörten (d.h. „nicht kreativ waren“) und die Aufmerksamkeit der Polizei unnötig auf den Garten lenkten – seither der Bauzaun. Wir verpflichteten uns zum kreativen Umgang mit dem Garten und dazu, unseren Müll immer in den Sack zu werfen. Juri betrachtet dabei die „Arbeiter“ auf der benachbarten Baustelle skeptisch – vermutlich Buntmetalldiebe.

Kurzerhand und unvorbereitet ließen wir uns doch von einem Bad im Kanal überzeugen, schwammen quer durch den Kanal. Es war sehr erfrischend. Als Tribut an den Garten und seine Schöpfer ließen wir zwei Kronkorken vor Ort, die sich dort nun einer Kronkorkeninstallation einfügen.

Man kommt angesichts der politischen Debatten um die Olympischen Spiele in Russland nicht umhin: Die Politik Putins, die jüngste Gesetzgebung zu sog. „homosexueller Propaganda“ ist für rundum verfehlt zu halten. Vielleicht geht es nur mir so, aber zumindest ich habe das postsowjetische Russland immer als ein Land imaginiert, dem es an stillgelegten Betrieben, halbüberwucherten Betonflächen, verrosteten Maschinenparks und tristen Industriebrachen nicht gerade mangelt.

Würde man die heimischen Homosexuellen nicht verfolgen und diskriminieren – vielleicht fänden sich in Russland noch mehr Juris und Eugens. Sie könnten dann ungehindert kreativ sein, nicht nur im Verborgenen Gärten anlegen, als Erholungsoasen für die hart arbeitende Bevölkerung und Rückzugsorte für die perspektivenarme Jugend … sie könnten Kunst- und Literaturszene bereichern, auf klaren Regeln bezüglich Müllvermeidung insistieren, der eigenen Leibesertüchtigung nachgehen und auch andere dazu animieren, ihren Körper zu pflegen und zu kultivieren. Gerade mit Blick auf Olympia wäre das vielleicht mittelfristig erfolgreich: Schwimmen, Turnen, Ringen … Und natürlich immer mit einem wachsamen Auge etwaigem Rohstoffdiebstahl wehren. Ist das nicht eine postkommunistische Utopie, die zum gemeinsamen Träumen einlädt?

„Wir in Russland haben eure westlichen Probleme [i.e. Homosexuelle] nicht und wollen sie auch nicht haben!“

Na, wenn der neue Zar im Kreml nicht will – der Westen, i.V. Hamburg-Wilhelmsburg dankt jedenfalls!

 Gastartikel von Tobias Graßmann –  Jobinski bedankt sich –

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