Glücklich kann man hier nicht nicht werden – Harburger Chaussee

Fasade Hinterhof

Die letzten beiden Tage, ich kann mir nicht helfen, bekomme ich meine Laune  nur sehr mühevoll gehoben. Dass kann daran liegen, dass sich eine Erkältung heranschleicht oder daran, dass die Motivation, meine Hausarbeit endlich fertig zu schreiben, im Vergleich zum immer näher rückenden Abgabetermin nur bedingt präsent ist. So oder so: eine Sache kann man nicht leugnen: Ich lebe in einem Drecksloch. Das wird einem manchmal noch mehr als, ohnehin bewusst.

Meine Wohnung ist dabei nicht gemeint. Nichts läge mir ferner, mein immer heimeliger werdendes Refugium schlecht zu reden. Hier drinnen stimmt bald alles. Eine Behausung mit meinem persönlichen Fingerabdruck. Herrlich vertraut und doch immer wieder spannend. Nein. Das Unglück beginnt außerhalb der Fenster und Mauern dieser 45 qm. Es ist präsent im Treppenhaus, wo es nach Pisse stinkt, das Mauerwerk unter dem Putz hervorquillt oder wo im feuchten Keller ein Obdachloser schläft. Die Stufen der alten Holztreppe werden niemals gefegt. Zuständig hierfür ist niemand.

Wenn es jemand ist, dann schafft er es nicht bis in unser Treppenhaus. Der Hof macht den Hausmeistern genug Arbeit. Monat für Monat beginnen die Arbeiter den Müll von einer bis zur anderen Seite des Wohnkomplexes zu beseitigen. Sie arbeiten sich im Laufe der Wochen von Hausnummer zu Hausnummer durch um anschließend wieder von vorne zu beginnen. Wir reden hier hier nicht von achtlos weggeworfenen Bonbonpapieren oder Zigarettenschachteln. Was hier eingesammelt und weggeschafft wird misst sich Dimensionen von versifften Einbauküchen und schimmligen Sofas. Hier gibt es keinen Sperrmüll hier gibt es die Straße. An jeder zweiten Ecke türmen sich Mülltüten auf alten Möbeln. Plastiktüten hängen in den Bäumen und Büschen.  Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht sogar ein ausgebranntes Auto. Das ist noch nicht einmal gelogen. Das Müllhäuschen ist jede Woche innerhalb kurzer Zeit überfüllt. Getrennt wird der Müll hier nicht. Wenn er überhaubt seinen Weg in die Tonne schafft. Viele werfen ihre Küchenabfälle einfach aus dem Fenster. „Wir leben hier im Abfall“ sage ich zu meinem Bruder, als wir durch die, an sich sehr schöne, wenn nicht zugemüllte Grünanlage hinter dem Haus gehen. Ironischerweise finde ich im Gebüsch eine Greifhilfe, wie ich sie als Schüler in der Hand hatte, wenn ich Pausenhofdienst verordnet bekommen hatte. Für so etwas hat hier niemand Verwendung.

Es ist aber nicht nur der sichtbare Dreck, der einen hier nicht glücklich werden lässt. Das Erste was ich heute morgen registriere als ich um halb 10 Uhr kaffetrinkend aus dem Fenster sah, waren zwei ungepflegte Frauen, die vor ihren auf den Weg scheißenden Hunden hertrotteten. In den Händen jeweils eine halbleere Flasche der Firma „Öttinger“. So geht der Tag hier los. Hundescheiße und Billigbier. Ich muss das nur ansehen, doch die beiden Frauen müssen das auch noch erleben. Am eigenen heruntergekommenen Leib. Das zu wissen, kann einen nicht fröhlich werden lassen. Den meisten Menschen hier in der Harburger Chaussee, der angeblich lautesten Straße Hamburgs, sieht man an, dass sie es nicht sind.

Oft sieht man das, manchmal hört man es auch. Die Wohnung hinter meiner Schlafzimmerwand wird bewohnt von einer arbeitslosen Frau Ende 40. Die gute Frau betrinkt und streitet sich quasi täglich bis nächtlich mit ihrem Dauergast, einem arbeitslosen Mann Ende 40, bei dem ich mich frage, wie man so jemanden überhaupt in die eigene Wohnung lassen kann. Sie trinken viel und streiten so laut, dass ich das hören kann und das  meistens sehr genau. Meistens geht es um Geld, wer wem was schuldet, dass man endlich die Fresse halten soll oder um anderen Kram, wie wem das Feuerzeug gehört das da gerade benutzt wird. Als sie ihn einmal rausschmeißen will besteht er, bezeichnender Weise, auf die Auszahlung seines Flaschenpfandes, welches sich noch in der Wohnung befindet.
Aktuell ist es jedoch ruhiger geworden in der Wohnung meiner Nachbarn. Das Letzte was ich von den beiden mitbekam, war die glorreiche Aktion, der durch das Fenster geworfenen Whiskyflasche. Dass das Fenster während des Wurfes geschlossen war brauch ich, denke ich, nicht extra erwähnen, oder?

Ich käme gut mit dieser Wohnsituation zurecht, wäre wenigstens die Gegend etwas ansprechender. Es wäre ein spannendes Abenteuerwohnerlebnis. Doch die Harburger Chaussee ist ein Zwitter. Irgendwo zwischen netten Wohnvierteln und Industriegebiet. Um das nächste Cafe oder auch nur einen Supermarkt aufzusuchen muss ich den Bus nehmen, wenn ich nicht gleich die S-Bahn in die Innenstadt nehme. Ich hätte gerne einen Platz um die Ecke wo ich mal ein Bier oder einen Kaffe trinken könnte. Irgendeinen Ort wo Menschen aus dem Viertel zusammenkommen und sich eventuell sogar unterhalten würden. Doch in die Harburger Chaussee  fährt man nur zum wohnen. Jeder für sich alleine. Man wirft seinen Müll aus dem Fenster und betrinkt sich einsam in der Wohnung.

Je mehr ich über meine Wohnsituation nachdenke, desto mehr freue ich mich über den Umstand, dass diese Wohnung nicht meine letzte sein wird. Zum Glück bin ich hier nicht für immer. Von hier aus geht es nicht weiter. Sackgasse. Wer hier weg will muss umkehren. Ansonsten ist hier Endstation.

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14 Gedanken zu “Glücklich kann man hier nicht nicht werden – Harburger Chaussee

  1. hey jo! ich wohne auch direkt neben dem zerschmettertem fenster. und auch das beschriebene auto ist mir wohl bekannt :) ich bin hier anfang märz eingezogen… ähm ja… was soll man weiter dazu sagen :) kopf hoch! in wilhelmsburg gibt es übrigens ziemlich hübsche kleine cafe’s im reiherstiegviertel. die musst du nur suchen!

    viele grüße aus der 73h!

    1. Hallo Felix,
      Danke für deine Antwort. Schön zu wissen, dass nicht nur mir das auffällt.
      Ich muss sagen das mich manche Tage auch schnell wieder mit diesem Viertel versöhnen. Wenn das Wetter schön ist und die Menschen auf den Deich ziehen um den Blick auf die Elbe zu feiern.
      In die Cafe’s im Reihersiegviertel zieht es mich auch gelegendlich. Tonne oder Deichdiele halt. Auch der Plattenladen ist nicht so verkehrt. Leider sind die nicht wirklich direkt vor der Haustüre.
      Hast du noch einen schönen Gastronomischen Tipp?
      Grüße dich zurück.
      Jo

  2. Moin Jo!
    Rein interessehalber … wohnst Du immernoch in der Siedlung? Das wären zwei weitere Jahre – insofern wahrscheinlich nicht. Sehr bedauerlich, dass der „Betreiber“ der Siedlung diese so verkommen lässt – ist ja alles in Besitz einer Firma, wenn ich mich nicht täusche – die Gegend hätte definitiv Potential. Ich habe das Glück, dass in meinem Haus nur unscheinbare oder (vergleichsweise) sympathische Leute wohnen.
    Was die Reinigung des Treppenhauses anbelangt, darum müssten sich vertraglich (zumindest verstehe ich meinen so) die Mieter kümmern.
    So richtig stören tun mich nur die endlose Kette von LKWs und Sattelschleppern, die ununterbrochen die Straße hoch- und runterfahren. Die Wände könnten auch dicker sein.
    So viel dazu :)
    Raffael

  3. Moin Jo!
    Rein interessehalber … wohnst Du immernoch in der Siedlung? Das wären zwei weitere Jahre – insofern wahrscheinlich nicht. Sehr bedauerlich, dass der „Betreiber“ der Siedlung diese so verkommen lässt – ist ja alles in Besitz einer Firma, wenn ich mich nicht täusche – die Gegend hätte definitiv Potential. Ich habe das Glück, dass in meinem Haus nur unscheinbare oder (vergleichsweise) sympathische Leute wohnen.
    Was die Reinigung des Treppenhauses anbelangt, darum müssten sich vertraglich (zumindest verstehe ich meinen so) die Mieter kümmern.
    So richtig stören tun mich nur die endlose Kette von LKWs und Sattelschleppern, die ununterbrochen die Straße hoch- und runterfahren. Die Wände könnten auch dicker sein.
    So viel dazu :)
    Raffael

    1. Hallo Raffael, Danke für deinen Kommentar. Mittlerweile lebe ich nicht mehr in Hamburg. Ich wohne jetzt in München und genieße sehr in einer ruhigen Wohnung ohne LKWs vor der Haustüre zu leben. Liebe Grüße Jobinski

      1. Lustiger Zufall, ich habe vorher drei Jahre in München gewohnt. Schön zentral in Maxvorstadt (Georgenstraße) und als Mieter der super(über)korrekten Wohnbau. Allerdings war es da auch nicht leiser, weil morgens bis abends auf der Schlafzimmerseite das dritte bis fünfte Studentenwohnheim gebaut und dann abends bis nachts dort Party gemacht wurde … :) (Meine Nachbarn sind tatsächlich in der Harburger auch leiser.)

  4. Hör auf zu heulen,…wenns dir nich gefällt, zieh halt in die schanze, elender!….wenn dir die treppen nicht sauber genug sind, geh fegen…spast!wenn dir die nachbarn zu laut sind, zieh nicht in eine wohnung….wenn dich der obdachlose stört, gib ihm geld und essen..und zeig ihm, wo er sich melden kann, oder lass ihn bei dir schlafen….es könnte alles so einfach sein…..aber rumheulen ist halt die bessere wahl, immerhin gibt es genüged schwachköpfe, die dir mut geben, nochmehr rumzuheulen….opfer deiner selbst!

    1. Ja alles klar, Alta, lad noch ein paar Obdachlose ein und feier mit ihnen, vor allem spiel ihnen deine Musik vor. „Opfer deiner selbst“

  5. Muss mich meinen Vorschreibern teilweise anschliesen, wohnst du noch hier und kannst Du es dir aussuchen, wo Du wohnst ? Wohl kaum, ansonsten wärst Du gleich nach St.Pauli, Eimsbüttel oder Ottensen gezogen. Falls Du noch in der Gegend bist, bring dich lieber ein als zu schimpfen.

  6. Erstaunlich.
    Ich bin der Aussfassung, dass ich mich nicht schlecht fühlen sollte, weil ich mich schlecht fühle. Jemanden zu sagen, er sei selber schuld, dass es da wo er ist scheiße ist, weil er nichts dagegen tust ist einfach nicht zu Ende gedacht. Das ist krass billig.

    Auch wenn viele (unter anderem auch ich selbst) sich „einbringen“ und sich engagieren, dass das Wohnviertel besser, sauberer, freundlicher etc. wird, ändert das nichts daran, dass sich viele Faktoren einfach nicht weg tanzen lassen.

    Der LKW-Lärm und die dünnen Fenster geben einem das Gefühl direkt auf einer Autobahn zu wohnen. Das ist auf Dauer wirklich belastend (Nachweislich). Oder die Nachbarn, die trotz mehrmaligen Bitten immer noch ihre Essensreste und Abfälle aus dem Fester werfen. Da kann ich so oft ich will zum Aufsammeln durch den Hinterhof ziehen.

    Ich habe oft genug die Scherben auf dem Deich weggekehrt oder unser Treppenhaus gefegt. An drei Nachmittagen in der Woche habe ich ehrenamtlich Hausaufgabenbetreuung und Freizeitbeschäftigung für Grundschüler aus dem Viertel angeboten. Ich muss mir von niemanden vorwerfen lassen nur rum zu heulen.

    Ich habe zwei Jahre lang in der Harburger Chaussee gewohnt, teilweise auch sehr gerne, aber jeden Tag damit konfrontiert zu sein, dass manche auf das Gebiet, in dem du wohnst scheißen, ist schlicht und einfach belastend. Darüber darf man sich auslassen. Da darf ich „rumheulen“.

    Als Lösung vorzuschlagen, dass ich die Obdachlosen in mein Bett lege, damit es mir besser gehe ist krottesk. Den Obdachlosen, der meinen Wohnraum so sehr respektiert, dass er in unseren Hausflur kackt, in meine Wohnung einzuladen, fällt mir zu schwer. Bin ich deshalb ein selbstgerecher „Spaßt“? Ein schlechterer Mensch als du?

    Ich werde beschimpft von denjenigen die mir mangelnde Moral vorwerfen. Erstaunlich.

    Hört auf mir die Schuld zu geben, dass ich mich nicht wohl gefühlt habe! Wer gibt euch das Recht dazu?
    Mich macht das (auch Jahre später) noch sauer, wenn Menschen mir sagen ich solle mich nicht so anstellen.
    Es gibt kein Recht auf optimalen Wohnraum für alle, Das weiß ich. Ich weiß auch, dass es in anderen Gegenden weniger der Probleme gibt wie in Willhelmsburg, dafür halt andere. Trotzdem hat jeder das Recht, dass sein Wohn- und Lebensraum geachtet und respektiert wird. Das ist in der Harburger Chaussee nicht der Fall.

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