Ich bin der Nebel

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Ich sitze zu hause in meiner Wohnung und trinke Kaffee.

Ich trage meinen neuen Anzug. Er steht mir sehr gut. Ich bilde mir ein, dass mein Anzug ganz besonders gut meinen Charakter unterstreicht.

An der Wand hängt eine Foto von mir, auf meiner Fahrradreise. Weit bin ich damals gefahren und hab so vieles dabei erlebt. Müde und stolz blicke ich in die Kamera. Im Hintergrund eine Berglandschaft.

Aus der Anlage klingt Musik. Düstere melancholische Musik. Mit schweren und lauten Gitarren. Mit einem Rhythmus, der alles zu verlangsamen scheint.  Es klingt sehr trostlos und durcheinander. Die Musik passt sehr gut zu meiner Stimmung.

Denn auch wenn ich in meinem neuen schönen Anzug in meiner schönen Wohnung sitze und dabei auf das Bild blicke mit dem so viele schöne  Erinnerungen zusammenhängen, merke ich, dass ich bin wie die Musik: Melancholisch und Durcheinander. Es ist dieses Hin und Her. In meinem Kopf rattert es. Die Musik tut nur ihr übriges.

In mir schwimmt Kaffee und dieses Rauschen. Das Rauschen, das mich noch wahnsinnig werden lässt.

Dieses Unbestimmte. Diese Ungewissheit. Das Rauschen das entsteht, wenn man sich nicht festlegen will. Zum Beispiel, wie es einem denn geht. Ist das heute ein guter Tag oder nicht? Bin ich glücklich oder traurig. Ich müsste mich wahrscheinlich einfach entscheiden. Doch Entscheidungen brauchen Mut. Das ist schwierig für einen Feigling wie ich.

Mein Kopf rattert und rattert. Ich weiß gar nicht mehr wo mir dieser noch steht. Immer und immer wie diese Fragen. “Wer bin ich eigentlich?” und “Bin ich glücklich?” Das sind die Fragen an diesem Nachmittag. Während ich in meiner Wohnung sitze und noch mehr kalten Kaffee trinke. Fragen ohne Antwort. Hier ist nur ein Gefühl, sich nicht richtig spüren zu können. Eine diffuse Unzufriedenheit. Nur dieser Nebel.

Um den Nebel in meinem Kopf zu verscheuchen drehe ich die Musik etwas lauter. Lauter werden auch die Fragen in meinem Kopf:

Wer bin ich? Und bin ich glücklich?

Wer bin ich ? Bin ich glücklich?

Woher soll ich wissen wer ich bin?  Ich bin zu feige mich selber zu betrachten. Also nicht mich in meinem neuen Anzug, der mir so gut steht.  Mich selber einmal richtig zu durchleuchten. Mal zu versuchen zu beschreiben wer ich gerade bin.

Bin ich derjenige mit all den schönen Dingen um mich herum . Meinem angesammelten Hausrat? Der Plattensammlung im Regal?  Ich bin doch nicht die Summe meiner angesammelten Gegenstände.

Ich bin auch nicht der Inhalt meines Kleinderschranks. Dieser Anzug der mir so gut steht, der meinen Charakter unterstreichen soll, das ist nur ein Bild von mir das ich gerne zeichne. Ein Modell, das ich von mir mache. Das bin ich nicht.

Ich blicke auf das Bild an der Wand und frage mich: Bin ich meine Erinnerungen? Bin ich der Mann auf meinem Erinnerungfoto? Der, der mit dem Rad bis zu einem fernen Ort gefahren und viele Geschichten darüber zu erzählen hat? Der seine Lebenszeit ausgefüllt hat. Nein, Der Mann auf dem Bild ist weit weg. während ich in meiner Wohnung sitze.  Ich bin nicht die Sammlung meiner Erfahrungen. Ich bin viel mehr als all das und gleichzeitig sehr viel weniger.

Ich verstecke mich hinter Gegenständen und Geschichten. Weil ich auch mir nicht zeigen will wer ich selber bin.

Wer bin ich ? Und bin ich glücklich?

Woher soll ich wissen ob ich glücklich bin? Ich führe ein Leben in Zwischenräumen. Diesen emotionalen Zwischenräumen, wo es weder Verzweiflung noch Zufriedenheit gibt. Niemals konkretes Fühlen. Immer nur Mittel. Darum höre ich doch auch diese Musik. Diese Musik, die nichts weiter tut als emotionalen Staub auf zu wirbeln ohne danach wieder Ordnung zu schaffen. Ungreifbare Gefühle und schwere Gitarren. Wie ein dichter Nebel aus  Gedankenfetzen und Verzerrern. Ein Nebel der alles ist, nur nicht greifbar.

Ich will mich nicht selber festlegen. Ich will weiter der Nebel sein. Undurchsichtig und ungreifbar. Darum scheue ich auch weg. Schaue einfach nicht genau hin. Bleibe feige. Bleibe der Nebel.

Das ist so ungesund  und  fühlt sich  dabei richtig an.

Ich bleibe stecken. Hier komme ich nicht weiter. Ich weiß weder wer ich bin noch ob ich glücklich bin. Ich weiß höchsten was ich nicht sein will: Ich bin nicht das Bild das ich von mir zeichne. Nicht mein Anzug, der mir angeblich so gut steht. Den ziehe ich jetzt aus.

Ich bin auch nicht die Geschichten, die ich zu erzählen habe. Der Mann auf dem Foto. Das bin nicht ich. Ich nehme das Bild von der Wand

Die beiden Dinge. Meinen Anzug  und mein Erinnerungbild kommen in einen Karton.

Ich atme durch.

In meiner Wohnung läuft weiter die Platte mit der Musik. Die Musik die so gut zu meiner Unentschlossenheit passt. Doch das das Dröhnen in meinen Kopf ist mir schon anstrengend genug. Ich muss nichts imitieren, das ich real erlebe.

Ich nehme die Platte vom Teller. Auch sie kommt in den Karton. Der Karton wird verschlossen, dann wird er zugeklebt. Danach kommt er in den Keller.

Ich muss nicht beschreiben können wer ich bin. Es reicht mir heute auch, nur zu wissen, wer ich nicht sein will.

Ich muss auch nicht sicher  wissen ob ich glücklich bin oder nicht. Heute reicht es mir zu wissen:

Ich bin der Nebel.

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