Ich bin empfindlich geworden. Vor allem was meine digitale Schmerzgrenze angeht. Ich spreche hier von meiner Schmerzgrenze beim Blättern durch meine Facebook Timeline. Ich dachte eigentlich ich hätte immer wieder gründlich ausgemistet und alle Bekannte, die durch das was sie so zum Besten geben vor allem unangenehm auffallen, gelöscht oder geblockt. Ich bin da mittlerweile recht gnadenlos geworden. Wie bei meinem Kühlschrank hau ich alles  in den Müll, was Schimmel ansetzt. Mittlerweile hat jeder meiner Facebookfreunde nur noch ein Leben. Es gibt keine zweite Chance für Dummheit auf meinem Bildschirm. Sobald auch nur irgendwas auftaucht, was mich nur im Ansatz aggressiv macht, langweilt oder sonst irgendwie scheiße ist, wird die entsprechende Person gelöscht. Das Teilen der Ergebnisse von Quizen wie, “welche Farbe bist du?” ist zum Beispiel ein Garant dafür nicht mehr auf meiner Timeline zu erscheinen. Ganz weit vorne ist außerdem alles mit Pokemon go, Quizduell oder Bilder, die mit einem Selfiestick aufgenommen wurden.

So die Theorie. Wäre ich in meiner Ansage Konsequent, wäre mein digitales Leben sehr schön. Doch ich bin nicht konsequent. Manchmal lasse ich Gnade vor Recht ergehen. Wobei Gnade vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Vielmehr ist es die Freude am Ekel. Die Suche nach Abgründen oder einfach nur Schadenfreude. Vielleicht auch der Wunsch danach mich überlegen und elitär zu fühlen. Vermutlich letzteres.

Vielleicht kennt ihr das ja. Jeder hat diese ein bis  zehn Facebookfreunde, die nur deshalb weiter in den timelines auftauchen, damit man sich über sie ärgern kann. Immer wieder benutzen wir die geistigen Auswürfe anderer um uns selber schlauer, niveauvoller oder allgemein geiler zu fühlen. Zumindest geht es mir so. Es ist ein bisschen so wie einen schlechten Horrorfilm anzuschauen oder RTL.

Zum Beispiel habe ich gerade ganze drei junge Väter in meiner timeline, die über ihren Alltag in ihrer Elternzeit bloggen. Ich sag mal so: Von den inhaltlich sehr ähnlichen Blogs ist einer von den dreien nicht komplett banane. Ich lese und denke … Huch! Ich bin wohl kurz eingenickt.

Wiesenfotos hab ich zum Glück noch nicht sehen müssen. Macht aber wirklich nichts, weil Wiesenfotos immer gleich aussehen. Das ist dieses Jahr nicht anders als vor 5 Jahren.

In meinem “Freundeskreis” gibt es auch “Erleuchtete”. Menschen, die sich vor allem mit kritischen Denken befassen, die allerdings dieses Denken wiederum ein wenig zu wenig kritisch hinterfragen. Gegen den Strom der“Mainstream Medien” – auf facebook. Wenn das keine Ironie ist. Das sind bestimmt nette Typen. Aber wie das eben so ist bei Verschwörungstheorien: es braucht schon ein wenig Dummheit, um scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen als DIE WAHRHEIT zu proklamierten. Ich werde dabei zum Beispiel wiederholt mit Ken Jebsen konfrontiert. Der Mann sagt nicht nur dumme oder falsche Sachen. Er prangert, zu großen Teilen, durchaus die richtigen Dinge an. Was mir jedoch immer wieder abgeht, bei der Weißheit dieses charismatischen Mannes, sind die tatsächlichen Lösungen. Der Mann spricht mit großer Überzeugung zwar, allerdings immer noch wirres Zeug.

Mir persönlich bieten diese Posts, neben genüsslichen Augenrollen, auch immer wieder die Möglichkeit, mir darüber im Klaren zu werden, dass nicht unbedingt diejenigen, die am lautesten schreien, die hellsten in der Birne sind. Ken Jebsens Wahrheit funktioniert nämlich vor allem in einem Universum: Dem von Ken Jebsen selbst. Dort aber garantiert ohne Widersprüche.

Hinzu kommen immer wieder Beiträge von schlechten Bands. Bands die, obwohl ihre Mitglieder in meinem Alter sind, niemals über das Niveau einer mittelmäßigen Schülerband gekommen sind. Auch nach Ihrem fünften Anlauf einer Bandneugründung haben sie es nicht geschafft mit Ihrer “Kunst” erfolgreich zu werden. Dabei wollten sie es doch so sehr.  Die haben wohl den Schuss nicht gehört. Musik zu machen, weil man damit primär Erfolg haben will ist sowieso eine fragwürdige Motivation.

Anstatt einfach Musik für sich selber zu machen und weil es ihnen Spaß macht, probieren sie, auf Teufel komm raus, den Sound des Erfolges zu finden. Dabei wird gerne alles aufgegriffen, was gerade im Einheitsbrei der Popularmusik herumschwimmt. Neues oder originelles ist da wenig zu finden. Mit einer großen Selbstverständlichkeit und einem schier unendlichem Ego werden mir die musikalischen Ergüsse per Handyvideo gezeigt. Was doch für große Songs der Belanglosigkeit und was für ein feines Gespür für Standardmelodien und zeitgemäße Einflüsse doch in diesen jungen Künstlern steckt. Das sind dann doch Dinge die mich ein wenig erfreuen.

Erfreut bin ich auch bei alten Bekannten, die einem schon damals auf den Wecker gingen, als man sich noch in real begegnete. Einer meiner Facebookfreunde hatte damals die Angewohnheit mich zu provozieren indem er mir vorhielt ich würde niemals eine Freundin finden. Dass er damit nicht recht behalten sollte ist jedoch nicht meine vorrangige Freude. Ich muss jedoch immer wieder schmunzeln, wenn ich sehe das der gute Mann mittlerweile verheiratet ist. Mit einer Frau, die ein bisschen aussieht wie ein Junge. Ein dicker Junge. Gut gemacht.

Ich könnte meine Facebooktimeline natürlich gnadenlos rationalisieren. Alles könnte weg, was nicht nach meinem Geschmack ist und mir zur Weiterbildung oder guten Unterhaltung verhelfen kann. Die Möglichkeit bestünde ja theoretisch. Doch wenn ich mich bei Facebook nicht einmal mehr aufregen oder fremdschämen kann, dann macht die blaue Netzwerk gar keinen Sinn mehr. Denn mit meinen guten Freunden habe ich über Facebook schon lange keinen Kontakt mehr.

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Ein Gedanke zu “Langeweile, Dummheit und Fremdscham – Dinge die mich dann doch ein wenig erfreuen

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