Der einzig richtige Standpunkt

 

Ein Text über Diskussionskultur und Hass.

Die meiste Zeit befinde ich mich im Konflikt.  Ich bin in den seltensten Fällen mit allen Menschen der gleichen Meinung. Das ist an sich nichts Verwunderliches. Dir geht es vermutlich ähnlich. Wenn das anders wäre, wäre das Leben ziemlich langweilig. Auf irgendeine Art müssen wir Menschen uns ja schließlich voneinander abgrenzen. Das schafft schließlich erst Identität.

Dadurch, dass ich mich von Menschen und Gruppen abgrenze, definiere ich mich. Durch Abgrenzung und Anpassung. Manches lehne ich ab, anderes nehme ich an. Dies passiert durchgehend und auf vielerlei Ebenen. Emotional, rational, ästhetisch, künstlerisch, ethisch oder politisch. Meine Persönlichkeit schöpfe ich nicht aus mir selbst heraus, ich brauche immer ein Gegenüber um überhaupt zu sein. Das “Ich” braucht ein “Du”.

Bei all der Abgrenzung kommt es natürlich auch zu Reibungen. Die ganze Abgrenzung oder Identifikation mit anderen führt gelegentlich zu Lagerbildungen. Mir scheint es manchmal als sei sich die Menscheheit noch nie so uneinig gewesen wir dieser Tage. Besonders Facebook scheint nur noch ein Marktplatz für Beleidigungen, Schmähungen und Idiotie zu sein.

Abgrenzungen gab es wohl schon immer. Auch bei mir. Damals in meiner frühen Jugend verachtete ich alle Menschen die Rapmusik und keinen Rock hörten. Das waren für mich die schlimmsten Menschen die es geben konnte.

Heute sind es Afd- Wähler oder Menschen, die sich mit diversen Verschwörungstheorien anfreunden können. Mit solchen Standpunkten oder Überzeugungen klar zu kommen fällt mir wirklich schwer. Vielleicht weil mit diesen Menschen zu diskutieren nicht möglich ist. Zumindest ist es sehr sehr anstrengend.

Was mir auffällt ist, dass Abgrenzung oft einhergeht mit Ablehnung. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wer sich von meiner Meinung  abgrenzt der muss nicht zwangsläufig mich als Person ablehnen. Mir passiert das leider viel zu oft.

Die reine Existenz eines Gegenübers, welches anders ist als ich, das mir womöglich sogar widerspricht, bedroht noch lange nicht mich selbst. Es geht hier schließlich “nur” um Meinung nicht um das Recht zu Existieren. Wenn ich beobachte, wie ich selbst Debatten führte könnte man allerdings meinen, dass genau das der Fall ist. Bis aufs Blut verteidige ich meinen Standpunkt. Als hänge ich selbst, mit meinem Sein, davon ab.

Es beginnt damit, dass ich sehr schnell sehr gereizt werde. Ich bin sehr schnell beleidigt. Ich meine so richtig beleidigt im Wortsinn, als hätte man mich öffentlich vorgeführt mit der Absicht mich zu beschämen.

Als nächstes beginne ich damit richtig zu hassen. Dabei kenne ich meine Gegenüber meistens gar nicht. Ich hasse Menschen, mit denen ich noch nie in einem Raum war. Macht das überhaupt Sinn? Nein, Hass auf Menschen sollte nur dann gerechtfertigt sein, wenn ich mich mindestens einmal mir der betreffenden Person unterhalten habe.

Aufgefallen ist mir auch meine Unfähigkeit zu einem Konsens zu gelangen, beziehungsweise diesen überhaupt in Betracht zu ziehen. Zumindest im Internet. Ich gifte hier und da in den Kommentarspalten herum. Lasse meine Kontrahenten auflaufen und verstrickte mich in wirre Diskussionen, bei denen am Ende keiner mehr weiß, was denn jetzt die eigentliche Frage war. Ich muss dabei mit Erschrecken feststellen: Es geht mir schon lange nicht mehr um eine Einigung. Bei genauerer Betrachtung von mir selbst, geht es mir bei manchen Themen nur noch darum möglichst laut und provokativ herum zu schreien, möglichst harte Treffer zu landen und möglichst subversiv meine moralische Überlegenheit zu verdeutlichen. Ich bin wirklich eine arme Wurst.

Ich schrieb kürzlich einen Kommentar zu einem Betrag eines Facebookfreundes, der sich in vielen seiner Äußerungen, Überzeugungen und Ansichten von mir unterscheidet. Über eine geschlagene Stunde verbrachte ich an einem Samstagvormittag damit, einen einzigen Kommentar zu verfassen, in dem ich aufzeigen wollte was mir an dem Beitrag meines Facebookfreundes nicht gefiel und was ich an seinen Äußerungen kritisch sehe. Heraus kam ein Text, der ausgedruckt drei Seiten gefüllt hätte. Das Interessante dabei war, dass mir die ganze Zeit über klar war, dass mein seitenlanger Kommentar nichts dazu beitragen wird, damit Einigung und Annäherung möglich wäre.  Das war mir während meiner Ausformulierung zu keinem Zeitpunkt ein ehrliches Bedürfnis. Ich wollte einfach nur möglichst eloquent eine Person vorführen, in dem gleichzeitigen  Wissen, dass meine Worte auf der Empfängerseite verpuffen werden. Ein bisschen Spaß hat mir das natürlich auch gemacht. Ist das Debattenkultur? Kann so ein Miteinander oder zumindest ein respektvolles Nebeneinander stattfinden? Ich glaube kaum.

Sind wir überhaupt noch in der Lage uns einig zu werden? Ich bin es nicht mehr. Das ist auch kein Wunder, denn es dreht sich bei mir fast ausschließlich darum Recht zu behalten. Der Wunsch oder die Überzeugung, dass die Wahrheit oder das Recht auf meiner Seite ist, ist so sehr in mir verwurzelt, dass ich ausschließlich meinen Standpunkt als den richtigen anerkennen kann.

Eine schreckliche Erkenntnis.

Doch was kann ich dagegen tun? Wie komme ich raus aus der Schleife der Beleidigungen, beleidigt zu sein und nur noch um sich zu treten bis jedem Beteiligten die Luft ausgeht, sich die Fronten verhärten und sich jeder nur umso mehr in seiner Ansicht bestätigt fühlt?

Ein erster Schritt ist sicherlich zu akzeptieren, dass wir Menschen nun mal unterschiedlich in unseren Ansichten, Überzeugungen und Haltungen  sind. So beschissen das manchmal ist. Das müssen wir einfach aushalten. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir den Untergang der Debattenkultur nicht noch weiter befeuern wollen.

Ein zweiter Schritt ist den Wunsch zu entwickeln einen Konsens oder eine Annäherung zu erreichen. Wenn wir uns das nicht wünschen und stattdessen lieber wild rumschreien, uns gegenseitig verbal in die Eier hauen möchten, um anschließend zu behaupten wir hätten es nicht anders verdient. Bitte, dann soll es eben nicht sein.

Wenn ich beginne auszuhalten, dass wir Menschen uns eben unterscheiden und ich einen ehrlichen Wunsch verspüre, dass wir uns dennoch annähern sollten, kann ich mit einem dritten Schritt beginnen: Ich blicke dabei nicht mehr vorrangig auf die Unterschiede zwischen uns Menschen, sondern auf die Gemeinsamkeiten. Das vergesse ich immer wieder, dabei liegt es so nahe. Denn selbst mit einem Arschloch, einem ignoranten Rassisten, einem verblendeten Verschwörungstheoretiker, Björn Höcke oder deiner Mutter habe ich etwas gemeinsam.

Und wenn es nur der Wunsch ist, in Sicherheit zu leben und geliebt zu werden.

Wenn selbst ich es schaffe Menschen die Rap statt Rock hören zu akzeptieren, dann kann ich es wenigstens versuchen mich mit einem AFD-Wähler oder einem Chemtrailverfecher zu unterhalten.

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Euch wünsche ich gute Unterhaltungen und eine friedliche Vorweihnachtszeit

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2 Kommentare zu „Der einzig richtige Standpunkt

  1. Man munkelt: Menschen gehen nicht ins Internet um dort neues zu lernen, sondern das was man sowieso schon weiß und denkt bestätigt zu bekommen. So entstehen Informationsblasen und meine Timelines sind voll von Meinungen die ich selbst habe, voll nur von Menschen die ich mag und ohne jegliche Reibungsfläche. Habe selbst schon Leute ‚entfreundet‘ weil sie etwas gepostet haben was mir nicht in den Kram gepasst hat. Anstatt nachzufragen warum er/sie diese Meinung hat.

    Aber was bedeutet Annäherung oder Konsens? Man muss damit leben, dass die eigene Meinung am Ende nicht in voller Pracht zum Status Quo wird. Man muss selber einstecken, darauf hat ja niemand so richtig Lust. Aber Recht haben allein macht einen auch nicht glücklich.

    Sehr guter und wichtiger Artikel übrigens.

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