Vorbereitung und Anreise.

Würde ich clickbaiting betreiben, würde der Titel dieses Textes lauten: “Das krasseste was ich jemals gemacht habe!” Dabei wäre das nicht einmal gelogen, denn es stimmt. Ich berichte hier über meine Radreise, bei der sich meine sportlichen Grenzen durchaus verschoben haben. Auch wenn ich nach fast allen solchen Aktionen (Alpenüberquerung mit dem Mountainbike oder Wandern in der Hochebene Norwegens) dachte: Das war das krasseste was ich jemals gemacht habe, diesmal stimmt es (erneut).

Was ist passiert? Innerhalb von sechs Tagen bin ich nur mit meinem Rennrad und leichtem Gepäck vom Ärmelkanal nach Hause nach München gefahren.

In Zahlen sind das 1130 km, 6520 Höhenmeter, ca. 60 Stunden in Bewegung und in etwa 37.000 verbrannte Kalorien.  Aber der Reihe nach.

Es begann damit, dass ich schon vor ein paar Jahren die Vorstellung hegte einmal zum Atlantik zu fahren. In meiner Vorstellung sah dies damals noch ganz anders aus, als wie ich jetzt unterwegs war. Große Taschen, viel Gepäck, Ersatzkleidung, Zelt, Kochgeschirr, Badesachen. Mehr Campingurlaub als Radsport. Doch all diese Sachen kann man mit einem Rennrad nicht transportieren.

Meines kaufte ich mir im Herbst 2016. Gebraucht auf ebay Kleinanzeigen. Ein gutes Rad. Nicht das neuste, nicht das leichteste. Trotzdem eine Schönheit. Schimmernd blau. Für meine Zwecke mehr als ausreichend.  (Für die Interessierten: Ein Principia 700 mit einfacher Campagnolo Athena Ausstattung.)

Während meiner ersten Ausfahrten, zunächst 40 oder 50 Kilometer entdeckte ich den Spaß und die Faszination für Rennräder. Bald darauf stellte ich fest, dass auch 100 km zurückzulegen gut möglich sind. Zeitgleich stieß ich auf eine Doku über Langstreckenrennen mit dem Rennrad, deren größtes Rennen in Frankreich stattfindet. Ein Rennen wollte ich nicht fahren. Das ist nicht so mein Ding. Aber die Landschaft Frankreichs und die Vorstellung davon, selbstversorgt und alleine viele Kilometer zu fahren gefiel mir. Auf die Idee nicht zum Meer sondern vom Meer nach hause zu fahren brachte mich ein Freund, der meinte: “Wieso zum Meer? Nach Hause zu kommen hat man doch immer Lust. Er sollte Recht behalten.”

Also rechnete ich so herum. Wieviele Kilometer kann man innerhalb einer Woche Urlaub gut bewältigen, ohne dass es einem langweilig wird und ohne, dass man sich völlig übernimmt? Wo ist es schön zu fahren und wie kommt man samt Fahrrad zum Startpunkt. Nach vielen Verwerfungen, Brüten über Karten im Internet, Lesen uns Schauen von Reiseberichten entstand folgender Plan:

Ich wollte mit dem Flugzeug und der Bahn nach Le Havre am Ärmelkanal reisen um von dort aus mit dem Rad wieder nach München zu fahren. Innerhalb einer Woche. Das entspräche einer Tagesdistanz von etwa 150 km. Auch wenn ich bis dato maximal  knapp über 100 km gefahren war und danach mehrere Tage völlig platt war:  Bis dahin würde ich mich eben noch etwas fiter machen müssen.

Also fuhr ich in meiner Freizeit Rad, viel Rad. An fast jedem sonnigen Tag rollte ich meine Trainingsrunden und erkundete so immer mehr vom Münchner Umland. Ich buchte einen Flug, reservierte mir einen Platz im Zug und suchte mir ein billiges Hotel.

Zeitgleich feilte ich an meiner Ausrüstung. Für Ausrüstung kann man bekanntlich unbegrenzt Geld ausgeben. Man kann sogar mehr Zeit mit der Anschaffung neuer Ausrüstung und Verbesserung dieser verbringen, als diese tatsächlich zu benutzen.

Das wurde mir schnell klar und wieder einmal kam ich zu dem Entschluss, dass die Ausrüstung nicht die Qualität eines Abenteuers ausmachen bestimmt und, dass es nicht immer das high end Produkt sein muss. Häufig recht auch die Mittelklasse völlig aus.

Eine Komplette Packliste von den Dingen, die ich mitgenommen habe, werde ich euch hier ersparen.  Davon gibt es tausende im Internet und in jedem noch so schlechten Buch über Radreisen. Beim Studieren solcher Listen sollte allerdings jedem klar sein, dass eine Liste niemals bindend und auch niemals komplett sein kann. Jeder sollte für sich selbst herausfinden, was er unterwegs dabei haben will und muss und was er bereit ist die Hügel hoch zu schleppen. Denn eines ist sicher: Bergauf merkst du fast jedes Gramm und perfekt ausgerüstet kann man nicht sein.

Meine Ausrüstung bestand im wesentlichen aus Schlafsack und Isomatte, Wetterschutz, Werkzeug für Platten und Reparaturen und meinem Kulturbeutel. Zusätzlich noch Akkupack und Ladegerät für Handy, Kamera und Radcomputer. Das war dann auch schon alles was in meine Taschen passte.

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Der Tag der Reise rückte näher und so wie während dem Training meine Oberschenkeln immer größer wurden, wuchsen auch meine Zweifel. Hab ich mir zuviel vorgenommen? Ist das alles Irrsinn? Was mach ich, wenn das Wetter mich zum Anhalten zwingt? Wie schlimm ist es kein französisch sprechen zu können? Werde ich unterwegs genug zu Essen und trinken finden? Kann ich 150 km am Tag fahren und das mehrere Tage hintereinander?

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In der Nacht vor dem Flug schlief ich fast gar nicht. Meinen fertig gepackten Karton mit dem auseinander gebauten Rad brachte ich zwei Stunden zu früh an den Flughafen. Alles war sehr aufregend. So trank ich im Wartebereich Bier und hörte die Playlist, die sich mir für die Fahrt zusammengestellt hatte. Meine Laune stieg mehr und mehr und schlussendlich auch das Flugzeug. Ich fühlte mich jetzt schon großartig. Ich war ein Mann mit einer Mission. Auch wenn es jedes Jahr tausende Radreisende gibt, die weite Strecken zurücklegen, so redete ich mir ein, der Typ  einem bisher unvergleichlichen Vorhaben, zu sein. Die Flugbegleiterin brachte noch einen Wein aus einer lächerlich kleinen Flasche und so landete ich mit einem anständigen Schwips in Paris, wo mir die Sonne erst einmal anständig in die Rübe ballerte.

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Am Flughafen musste ich mich beeilen, denn mir blieb nur wenig Zeit um mir meinen Riesenkarton zu schnappen und zum Bahnsteig zu hetzen. Schon während der Zugfahrt durfte ich die Hilfsbereitschaft eines jungen Franzosen erfahren. Ich war scheinbar beim Umsteigen in den falschen Zug gestiegen, der nun in Versailles seine Endstation hatte. Dass Versailles zwar im richtigen Land, aber nicht am Ärmelkanal liegt, wo mein Hotelzimmer samt Dusche auf mich wartete, wusste ich auch ohne große geografische Kenntnisse. Jedenfalls erwischte ich dank dem hilfsbereiten Franzosen, der mir half meinen schweren Riesenkarton nach mehreren Fehlversuchen zum Richtigen Bahnsteig und zehn Sekunden vor Abfahrt auch in den richtigen Zug zu tragen. Guter Typ.

In Le Havre erreichten ich und mein Sperrgepäck  nach einiger Anstrengung das kleine Hotelzimmer. Schon auf dem Weg lief mir der Schweiß über den Körper. Hier wurde mir schnell klar: Es ist an diesem Ort zu dieser Jahreszeit auch nach 22:00 Uhr sehr sehr warm.

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Mein Abendprogramm fiel an diesem Abend überschaubar aus. Ich baute mein Rad aus dem Karton zusammen und verschnürte mein Gepäck. Zu viel mehr kam ich nicht denn um 24:00 Uhr ging in meinem Zimmer einfach das Licht aus. Auch gut. Dann war jetzt eben Zeit zu schlafen. Morgen sollte mein Abenteuer beginnen, auch wenn es für mich schon lange angefangen hatte.

Fortsetzung folgt hier

 

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10 Gedanken zu “Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 1

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