Fortsetzung von Teil 1.

Der erste Tag: Lange gerade Straßen, viele Hügel.

Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen es am ersten Tag ruhig angehen zu lassen. Nichts zu überstürzen. Ersteinmal reinkommen. Meinen Tritt finden und sich auf keinen Fall übernehmen.

Ich habe mir jedoch auch schon einmal vorgenommen niemals wieder zu rauchen oder früh genug mit der Steuererklärung anzufangen. So ist das mit den Vorsätzen. Sie sind einzig und allein dafür da um gebrochen zu werden. Warum sich auch künstlich bremsen wenn es einfach wunderbar läuft?Denn genau das tat es an meinem ersten Tag. Es lief. Er lief sogar sehr sehr gut.

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Mein Wecker klingelt um 7. Da bin ich allerdings schon wach. Wie lange schon weiß ich nicht mehr genau. Jedenfalls bin ich bereit um los zu starten. Ich bin noch nie ein Frühaufsteher gewesen, doch heute ist das wohl anders. Immerhin ist heute der Tag, auf den ich schon lange hingefiebert habe. Im Bett ausschlafen, würde ich in einer Woche wieder genug können. Ach was? Ich habe sogar das Gefühl die letzten Jahre genug ausgeschlafen zu haben um diese Woche einfach durchgehend Fahrrad fahren zu können. Soweit zu meinem Energielevel.

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Gegen halb acht frühstücke ich eine kalte Pizza an der Küste des Ärmelkanals, einen Kaffee finde ich leider nicht. Es ist Sonntag und wahrscheinlich noch zu früh. Ich treffe nur auf andere Frühaufsteher, die am Hafen ihre Runden laufen. Jetzt geht es los. Ein paar Fotos und Videos machen, mehr als ein Ritual als irgendetwas anderes, dann endlich losrollen.

Früh unterwegs zu sein ist wunderbar. Besonders auf dem Rad. Die Luft ist angenehm mild, die Straßen angenehm leer. Angenehm. Mein Start der Tour war einfach gesagt angenehm. Die vergangene Woche hatte ich nicht viel getan außer herum zu liegen und zu essen. Das merke ich jetzt. Meine inneren Speicher sind aufgefüllt, ich fühle mich ausgeruht und weil das so ist, trete ich fleißig meine ersten Kilometer in die wunderschöne Landschaft der Normandie. Hatte ich mir das so vorgestellt? Einerseits ja und andererseits auch wieder ganz anders. So wie es immer ganz anders ist, wenn man mitten in dem steckt was man sich Monate vorher ausgemalt hatte.

Als ich durch einen Vorort von Le Harve fahre bauen diverse Bauern garde ihre Stände für den Wochenmarkt auf. Alles Mögliche bieten sie an, unter anderem auch lebende Hühner und Kaninchen warten in kleinen Käfigen auf ihren nächsten und vermutlich letzten Besitzer. In einem Straßencafe sitzen alte Männer beim Kaffee. Ich würde gerne meine drei französischen Wörter benutzen um auch einen Kaffee zu bestellen doch meine Beine erlauben es mir nicht. Meine Beine wollten weiter. Ich darf jetzt noch keine Pause machen. Dafür ist mein Vorhaben noch viel zu groß und mein vor mir liegender Weg noch viel zu weit.

Während ich weiter meiner Route folgte und meine Gedanken mehr und mehr darum kreisten, wie weit ich heute wohl fahren werde, fällt mir auf, dass die meisten Orte, durch die ich fahre sehr leer sind und, dass der Wochenmarkt von heute morgen das lebendigste Treiben sein langen war. Irgendwo muss ich heute noch etwas zu Essen finden.  Doch die die Straßen sind ruhig und unbelebt, was auch an den Temperaturen liegen kann. Mein Thermometer zeigt 35 Grad. Auch in der Hinsicht ist meine Reise anders als erwartet. Von den letzte Woche angesagten 20 Grad ist nur wenig zu spüren. Ich schwitze weiter Kilometer für Kilometer. Ich komme sehr gut voran und, dass ich keine Geschäfte zum Essen kaufen finde ist zunächst gar nicht mal so schlimm, denn noch habe ich einen ausreichenden Vorrat an Riegeln dabei.

Was ich vorher schon wusste ist, dass die Normandie hügelig ist. Darauf habe ich mich schon eingestellt. Was ich nicht wusste ist wie unglaublich lang und gerade die Straßen hier sind. Weite Linien ziehen sich über die Felder und wenn man sich umsieht staunt man wie weit das eben noch durchquerte Dorf zurück liegt.

Dass die Straßen in diesen Dörfern leer sind wird dann zum Problem als meine Trinkflaschen sich weiterhin schneller leeren als gedacht. Bisher bin ich nur an einem einzigen Wasserhahn, an einem Parkplatz für Wohnmobile, vorbei gekommen. Die Hitze zieht die Flüssigkeit literweise aus meinem Körper und darum biege ich auch sofort ab, als ich sehe, dass ein  Parkplatz an einem Supermarkt nicht ganz so leer ist, wie die anderen, an denen ich bis jetzt vorbeifuhr. Der Markt scheint geöffnet zu haben. Trotz Sonntag. Auch wenn es sich um eine Art Baumarkt oder Markt für Garten und Strandbedarf handelt, so finde ich einen Kühlschrank mit Getränken. Kaltes Wasser und außerdem Cola. Oh, wie wundervoll kalte Cola schmecken kann! Cola, sollte der Begleiter der nächsten Tage werden, verspreche ich meinem Körper. Wann immer sich die Gelegenheit bieten wird, werde ich Cola trinken. Flüssigkeit und Zucker. Die Dinge, die ich gerade am meisten verbrauche.

Nicht nur meinen Zuckerhaushalt sondern auch meinen Wasservorrat fülle ich wieder auf, als ich beschließe auf dem kommenden Weg keine Gelegenheit auszulassen meine Flaschen aufzufüllen. Zu denken, dass noch etwas besseres oder ähnliches kommen wird, ist ein Fehler, denke ich, während ich merke: ich bin genau in dem Abenteuer auf das ich mich schon so lange gefreut habe und eben darüber bin ich sehr glücklich. Vor lauter Glück fahre ich weiter und merke erst 20 Kilometer später, dass ich meine gesetzte Mindestanzahl an Kilometern schon lange überschritten habe. Doch es fährt sich einfach zu schön durch das sonnenerwärmte Frankreich und meine Beine haben genug Power.

Mein Weg führt mich weiter durch viele kleine und größe Orte. Ab und zu finde ich eine Tankstelle oder einen kleinen Laden in dem ich Wasser oder etwas zum daran beissen finde. Im Nachhinein werde ich froh um jede Foto- oder Videoaufnahme sein, denn vor lauter neuer Eindrücke kommt mein Gehirn mit dem Verarbeiten der hinter mir liegenden Strecke irgendwann einfach nicht hinterher.

An was ich mich erinnere sind lange gerade leere Straßen, verschlungene Wirtschaftswege, perfekt ausgebaute Radschnellwege, heruntergekommene und gepflegte Wohnhäuser. Prachtvolle Kirchen, Klöster, Rathäuser vor denen die Französische Fahne in meinem Gegenwind weht. Wahlplakate des Front National und alte Frauen, die im Schatten ihres Gartens schlafen. Platte Reifen zwei, vielleicht auch drei. All diese Erinnerungen werden im Laufe der Zeit verschmelzen, sich vermischen und durcheinander geraten. An was ich mich nicht erinnere ist, dass ich mich zu irgendeinem Zeitpunkt des Tages am falschen Platz gefühlt hätte.

Gegen Abend komme ich in Beauvis an und bin jetzt schon weiter gefahren als an irgendeinem anderen Tag meines Lebens als zuvor. 172 km stehen auf meinem Tacho. Eine absurde Zahl für mich. Aber kein Wunder, wenn man den ganzen Tag im Sattel verbracht hat und außer ein paar kleiner Verschnauf- oder Colapausen nicht wirklich länger an einem Ort geblieben ist.

In Beauvis haben auch kleine Restaurants geöffnet, was mir mehr als gelegen kommt, denn ich habe mir vorgenommen, einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. Ich parke mein Rad vor dem erstbesten Restaurant, einem südländischen Imbiss, und gebe in meinem Englisch-französisch-handzeichengemisch zu verstehen, dass ich das größte und teuerste Menü auf der Karte haben möchte. Einen Dönerteller dieser Größe habe ich zuvor auch noch nicht gesehen, geschweige denn bis auf den letzten Bissen gegessen. Vieles passierte heute zum ersten Mal.

Die Pause tut mir gut. Auch wenn ich die 170 km bisher ohne größere Beschwerden durchgefahren bin, merke ich, dass ich meinem Körper seine Pausen gönnen sollte. Ansonsten werde ich schneller platt sein als meine Reise andauern wird.

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Soweit die Vorsätze. Ich bin ausgeruht und wenn nicht heute, wann dann werde ich wieder die Gelegenheit haben 200 km am Tag zu fahren? Die dreißig Kilometer mehr machen den Braten auch nicht fett, denke ich mir, und so soll es auch passieren. Ich rolle weiter und die untergehende Sonne lässt meinen Schatten immer weiter über die endlosen Felder wachsen.

In Clermont zeigt mein Radcomputer 200 km an und ich finde endlich meinen Kaffee in einem Schnellrestaurant und weil der so lecker schmeckt bestelle ich gleich noch einen zweiten. Draußen wird es langsam dunkel.

Irgendwas stimmt nicht mit mir, denke ich. Trotz der unsagbar vielen Kilometer, die meine Beine heute schon weg gekurbelt haben, will ich weiter fahren. Das liegt wohl zum einem am Koffein in meinem Blut und zum zweiten auch daran, dass ich mir kein bestimmtes Ziel für heute gesetzt habe. Meinen Schlafplatz für die Nacht wollte ich mir so oder so im Freien suchen.

Also ziehe ich mir meine Warnweste über, wie es in Frankreich Pflicht ist, wenn es dämmert, und gebe meinen Fahrradlichern Strom. Die Akkus sind voll und auch ich bin noch nicht ganz leer. Warum eigentlich nicht? Ich habe keine Ahnung.

Mit der einsetzenden Dämmerung schwindet nach und nach auch die Hitze des Tages und so fällt es mir nicht schwer immer weiter und weiter zu fahren. Frankreichs Straßen bei Nacht. Wunderbar. Ich bin weiterhin unterwegs und denke mir, dass ich jeden Kilometer, den ich heute schaffe die nächsten Tage weniger fahren muss.

Irgendwann leuchtet die Anzeige von meinem Vorderlicht rot statt weis, was wohl ein Zeichen dafür ist, dass der Akku nicht mehr lange halten und mein Licht nicht mehr ewig leuchten wird. Mehr als weit genug bin ich für heute schon lange gefahren und so halte ich allmählich Ausschau nach einem Schlafplatz.

Mein Plan, sich zum Schlafen, in den Wald zu legen wird durchkreuzt von meiner Angst. Ich beginne mich zu fürchten, als der Nebel in meinem Scheinwerferkegel immer dichter wird. Um mich herum herrscht absolute Finsternis. Meine Lampe leuchtet zwar noch hell genug um die Straße zu erkennen, doch von meiner Umgebung sehe ich quasi nichts. Ich kann mir auf keinen Fall vorstellen mich hier an den Waldrand zu legen. Außerdem riecht es plötzlich nach Wildschwein. Nein hier in diesem Wald werde ich nicht schlafen können.

Ich beschließe meinen Schlafplatz in der Nähe von Häusern, also auch in der Nähe von Lichtern zu suchen. Hier mitten im Wald ist es mir einfach zu gruselig. Die Nebelschwaden und meine Fantasie tun ihr übriges. Als dann plötzlich mein Vorderlicht ausgeht und ich in absoluter Finsternis stehe werde ich fast schon panisch. Ich krame meine Stirnlampe aus der Rahmentasche und stecke mein Vorderlicht an meinen Akkupack. Das heißt ich kann das Vorderlicht zwar nicht benutzen, während es läd, doch meine Stirnlampe soll  genügen.

Also lege ich vor lauter Furcht vor den, in meiner Phantasie mich verfolgenden Zombiewildschweinen, noch einen kleinen Spurt auf die Landstraße, bis ich endlich einen kleinen verschlafenen Ort erreiche. Ich fühle mich, auch wenn hier die Straßenlaternen nicht mehr leuchten, sofort sicherer.

Als ich endlich meinen Schlafplatz, in Form einer Baggerschaufel, in der ich samt Rad und Schlafsack blicksicher Platz habe, finde ist es 1:30 Uhr und mein Radcomputer zeigt 251 km an. 251 km am ersten Tag. Was das genau bedeutet kann ich noch nicht ganz begreifen. Fest steht nur: Ich bin heute sehr viel Rad gefahren. So viel wie noch nie zuvor. Ich fühle mich prächtig. Nach gefühlten 30 Sekunden im Schlafsack schlafe ich ein. Was für krasser erster Tag.

Fortsetzung  hier.

Strecke auf Strava.

Für den Film der während meiner Reise entstanden ist gibt es hier schon einen kleinen Teaser:

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8 Gedanken zu “Velo La France – Ein Reisebericht – Teil 2

  1. klasse, Jobinski! Sehr erfrischend! schön geschrieben. genau so erlebe auch ich meine Radtouren. Gestern, heute und morgen. Sich selber spüren, die Natur wahrnehmen, die Menschen belauschen. Auf dem Rad geht das alles ganz besonders gut.
    bleib munter – keep on riding and writing
    all the best
    Dietmar

    1. Lieber Dietmar,
      Danke für deinen Kommentar.
      Womöglich kreuzen sich ja eines Tages unsere Wege, wenn sich meine Pläne verwirklichen und ich ein randonneur werde.
      Beste Grüße aus München!

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