Friseure sind seltsam. Nicht zuletzt wegen der mittelmäßigen Wortspielen die sich bei Namen von Friseurläden finden. Schnittstelle, Haaradies, Exemplaar, Haarem oder Haarscharf. Vorher/NachHAIR

Ich bin der Meinung Friseurbesuche haben immer etwas unangenehmes an sich. Besonder dann, wenn man selten zum Haare kürzen geht, birgt ein Friseurbesuch immer die Gefahr eines drastischen Einschnitts in das äußere Erscheinungsbild.  Das liegt auch daran, dass Haare sehr viel weniger Zeit benötigen um kürzer geschnittenen zu werden, als sie Zeit benötigt haben um zu wachsen. Wenn Haare so langsam geschnitten werden würden, wie sie wachsen, dann käme einem der Unterschied nicht so groß vor. Aber das nur am Rande.

Weil eine plötzliche äußere Veränderung erschreckend und überfordert sein kann, versuchen die Mitarbeiter von Friseurläden immer ein Klima der Entspannung, Seriosität und der Sicherheit herzustellen – was ihnen selten gelingt. Der Fehler der haarkürzenden Zunft  besteht meist darin, dass sie versuchen die unangenehme Stille, die zwischen Haarträger und Haarschneider aufkommen kann, durch seichte Gespräche zu überbrücken. Hierin liegt, meiner Meinung nach,  der Kardinalfehler der Friseure.

Manche Menschen sind ganz gut in Smalltalk. Ich bin es nicht. Darum führen die meisten Versuche, eine entspannte Stimmung herzustellen, bei mir dazu, dass ich mich nur noch unwohler fühle. Schlimmer als gezwungen zu werden Smalltalk zu betreiben ist für mich nur der Besuch beim Proktologen oder ausgepeitscht zu werden.

Was Frisören oft nicht klar ist, dass ich (im Gegensatz zu ihnen) nicht beruflich und damit jeden Tag mit Haaren zu tun habe. Eher gar nicht. Für mich ist das Haare schneiden eher eine spannende Abwechslung. Das wissen theoretisch  zwar alle Friseure, doch handeln sie nicht danach.

Für mich und meine Verunsicherung wäre es zum Beispiel sehr viel hilfreicher während des Haareschneidens erklärt zu bekommen,  was denn nun gerade passiert. Wir Sozialpädagogen nennen das: Transparenz.

Was interessiert mich das Wetter? Das einzige was mich in dem Moment, in dem meine Haare geschnitten werden, interessiert ist, dass gerade meine Haare geschnitten werden.

Friseure sind in einer Machtposition. In dem Moment in dem ich einen Friseurladen betete, gebe ich die Kontrolle über meine Haare und auch einen großen Teil meiner Würde ab. Ab jetzt habe ich keine Kontrolle mehr darüber, was mit meinen Haaren passiert. Selbst wenn ich mit dem Prozesses, oder mit dem vorläufigen Ergebnis nicht zufrieden sein sollte, kann ich nicht einfach aufstehen und den Laden verlassen.

Auch über den Preis habe ich, sobald meine Haare nur eine Schere gesehen haben, keine Kontrolle mehr. Friseure können von mir verlangen was sie wollen. Ich bin immer nur froh, wenn ich heil aus der Sache raus komme. Ich zahle jeden Preis. Was bleibt mir auch anderes übrig. Ich kann schließlich schwer sagen. “Nein! Ich möchte, ohne Angabe von Gründen, von meinem Rückgaberecht gebrauch machen. Machen sie meine Haare wieder lang und ungewaschen.”

Warum gehe ich überhaupt noch zum Friseur? Das kann so herabwürdigend sein. Wenn ich geil darauf bin, Geld dafür zu bezahlen beherrscht und aufgrund meiner Situation erniedrigt zu werden, gehe ich in ein Dominastudio. Das ist auch eine Dienstleistung für die bezahlt wird. Dort wird mir das Sprechen möglicherweise sogar ganz verboten. Smalltalk kommt hier sicher nicht in Frage.

Ich weiß Friseure zu schätzen, die sich ihrer Machtposition und ihrer Rolle (Halb Domina halb Metzger) im Klaren sind. Es gibt tatsächlich Friseure, bei denen ist das Thema Wetter kein Thema.

Diese Friseure sind meist türkische Männer über 35. Sie erwecken meistens den Eindruck gar kein Geld verdienen, sondern nur ihre Ruhe haben zu wollen. Diese Friseure  machen alles richtig: Sie sprechen nur dann, wenn es unbedingt nötig ist.

“Ja?” – Wenn überhaupt.

Meistens blicken sie mich nur fragend an. Nachdem sie mich zuvor mit einer fordernden Geste an den Waschstuhl  geheißen und mit ruhigen aber bestimmten Metzgerhänden meine Haare gewaschen und mit mit einem Handtuch trocken gerubbelt haben. Bei jeder Berührung, und jedem Handgriff wird weiter klar, wer hier der Kunde und wer hier der Chef ist. Jeder Handgriff sagt nichts anderes als: “Wenn ich wollte könnte ich dich mit bloßen Händen töten. Dafür brauche ich nicht einmal ein Rasiermesser. Und jetzt hinsetzten und Fresse halten.”

Ich tue wie immer, wie mir geheißen und auf den fragenden Blick über den Spiegel, äußere ich meinen letzten Willen in Form von meinen Vorstellungen und Wünschen was meine neue Frisur betrifft.

Meine Antwort hat zwar keinerlei Auswirkung auf das  Endergebnis. Meine formulierten Wünsche sind eher Formsache. Seit seiner  Gesellenprüfung schneidet der türkische Friseur immer nur den einen, immer gleichen Haarschnitt.

Die zweite und dritte der insgesamt drei Äußerungen des Friseurs ist noch die obligatorische Frage nach der “Millimeterzahl” für den Langhaarschneider und das abschließende: “Gut?” beim Präsentieren des Hinterkopfes durch einen Handspiegel.

Die Antworten auf die Fragen: “Ja?”, “Wieviel Millimeter?”, und “Gut?” sind egal. Das Ergebnis ist immer das selbe und weil alle Frisuren gleich sind sind auch alle Preise gleich.

Ich finde das fair ich finde das gut. Denn trotz der Brutalität und der menschlichen Kälte, die ich mir monatlich bei meinem türkischen DominHaar-Studio ab hole ist mir tausendmal lieber als Smalltalk oder der Besuch beim Proktologen.

 

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