Entschieden zufrieden

Jobinski verkauft Bauernweisheiten und plumpe Kalendersprüche. Gegen diesen Vorwurf kann ich mich nicht wehren. Doch auch ein Kalenderspruch kann Wahrheit enthalten oder um es mit Julia Engelmann zu sagen: „Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt.“ Falls sich dieser Artikel ließt wie der Text eines mittelmäßigen selbsternannten liefecoach, der Achtsamkeit predigen will, aber nur hohle Lifestylephasen drischt, tut es mir leid. Ich garantiere führ nichts.

Vor einigen Wochen habe ich etwas schönes gemacht. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Das tun wir alle ununterbrochen – ich weiß. Nicht immer ist eine Entscheidung zu fällen leicht und nicht jede Entscheidung ist so gewichtig, wie die Entscheidung sein Arbeitsverhältnis zu kündigen. Ich habe meinen Job gekündigt. Dies was Auslöser für allerhand Gedanken und Emotionen.

I

Es ist schon bemerkenswert, wie viel an einer Arbeitsstelle hängt. Nicht nur finanziell. Auch wie viel Energie. Wie viele Gedanken. Oder Zeit. Ein Tag hat  24 Stunden. Daran ändert sich nichts. (Außer es ist Zeitumstellung.) Wenn der Mensch am Tag 8 Stunden schläft, dann ist er 16 Stunden wach. Wenn er von diesen 16 Stunden 8 Stunden arbeitet entspricht das der Hälfte seiner wachen Zeit. Das ist ziemlich lang. Auch wenn in anderen Ländern (zum Beispiel in China) noch sehr viel länger gearbeitet und noch weniger geschlafen wird, finde ich, ist das ein sehr großer Teil des Lebens. Weil Arbeit im Leben eines Angestellten sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, sollte Arbeit mehr sein als eine Pflicht. Mehr als nur eine Urlaubsfinanzierung. Mehr als eine Notwendigkeit. Zumindest sollte Arbeit nicht schrecklich sein. Oder zumindest sinnvoll. So wünschen wir uns das doch alle.

Ich möchte eine Lanze brechen für Entscheidungen. Auch für die schwierigen. Ich möchte das Aufschieben und Vertagen anklagen und sagen: Zeit vergeht so oder so. Sie unerfüllt auszuhalten, abzuwarten und vorbei ziehen zu lassen ist möglich aber nicht ratsam. Mehr noch: es ist verwerflich. Es ist im Grunde eine Beleidigung an das Leben selbst. Willst du dein Leben genießen, wertschätze deine knappe Zeit. Das hat schon die Engelmann gesagt und die muss es ja wissen.

II

Ich habe gekündigt. Warum genau ist hier nicht der Punkt. Das Ergebnis macht mich glücklich. Es kann so befreiend sein eine Entscheidung gefällt und Fakten geschaffen zu haben. Jetzt (bald) habe ich endlich Platz  für neues. Zeit für neues. Ruhe für neues. Gute Voraussetzungen, um in Zukunft besser auf mich auf zu passen. Mache das, was dir gut tut, das tut nämlich gut.

Eine Sache ist mir dabei sehr wichtig. Nicht alles was wir tun muss Sinn ergeben. Nicht jeder Tag und jede Handlung muss einem höheren Ziel dienen. Das ist die Falle unserer Leistungsgesellschaft. Ich will auch nicht sagen, dass jeder ganz dringend und sofort seinen Traum leben soll weil er sonst „eines Tages alt sein wird und zurückblickt…“ und so ein bullshit. Alles was ich sagen will ist, wie wichtig es ist auf sich zu achten. Nicht mehr nicht weniger. Das kann man definieren wie man will. Gesundheitlich, energetisch, spirituell oder pragmatisch.

Das bedeutet nicht dass jeder Job zur Selbsterfüllung führen muss. Wer sich über seinen Job selbst verwirklichen will und kann soll  das tun, aber es tun zu müssen ist eine große Lüge unserer Zeit. Selbstverwirklichung ist was für Instagram. Für Leute ohne Fantasie. Die Verpflichtung zur Selbstverwirklichung setzt mich nur unter Druck. Da hab ich kein Bock drauf. Da lasse ich Job doch lieber Job sein.

Das Dogma der Selbstverwirklichung ist es nicht wert einen Job wieder hin zu werfen, nur weil er auch nicht das allerbeste in einem hervorbringt. Auf keinen Fall. Doch kein Job ist es wert auf Kosten seines allgemeinen Wohlbefinden durchgezogen zu werden. So steht Rücksicht auf sich selbst auf der einen und der Traum von Selbstverwirklichung auf der anderen Seite. Einen guten Mittelweg zu finden finde ich nicht leicht.

III

Ich hab so oder so leicht Reden. Stimmt. Ich hab es nicht wirklich schwer. Ich bin privilegiert und halbwegs abgesichert. Als gut ausgebildete Fachkraft in einer Branche mit Männermangel muss ich nicht um meine Existenz fürchten. Dennoch hab ich die Entscheidung für meine Kündigung lange aufgeschoben. Länger als es vielleicht gut gewesen wäre. Aus Mangel an direkter Alternative hab ich mich lange durchgebissen. Vieles ausgehalten in der Hoffnung, dass es vielleicht später besser wird oder ich besser damit umgehen kann. Dem war nicht so. Jetzt sind meine Zähne stumpf und mein Kiefer verspannt. Hätte ich mal früher die Alternativen gesucht. Vielleicht war ich fürs Glück zu bequem und zu faul.

IV

Meine Zeit für Veränderung ist gekommen. Früher wäre vielleicht besser gewesen. Das muss ich mir eingestehen. Doch auch eine späte Entscheidung kann eine richtige sein. Weil das so ist bin ich jetzt glücklich. Glücklich darüber, mich neuen Herausforderungen und Aufgaben zu stellen. Alte Fehler zu vermeiden. Meinen Radius zu erweitern und neue Menschen in meinen (Arbeits-)Alttag zu lassen. Ach! Das ist schon alles sehr schön gerade.

Ich möchte euch Mut machen, ehrlich zu euch zu sein und eure Entscheidungen bewusst zu treffen. Weniger für eure Selbsterfüllung, das auch. Noch noch viel wichtiger: aus Rücksichtnahme auf euch selbst. Ich kann bezeugen, dass eine Entscheidung , in meinem Fall eine Kündigung, sehr befreiend kann. Kein Job sollte es wert sein, die Hälfte seiner wachen Zeit für Ihn aufzubringen ohne diese ausreichend zu entlohnen. (Ich spreche nicht von Gehalt.) Dieses befreiende Gefühl wünsche ich jedem. Jeder der die Möglichkeiten vorbeiziehen lässt, die Dinge aus sein Leben zu streichen, die emotional mehr kosten als sie einbringen und Dinge in sein Leben zu lassen die einen weiter bringen, ist selber schuld.

Genug geschwafelt. Euch eine gute Woche weiterhin. Passt einfach auf euch auf.

 

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