Dezembererkenntnis II: …wenn man es aber trotzdem macht freut man sich.

 

Was für eine Höllenfahrt es bis hierher war habe ich im ersten Teil schon beschrieben. Jetzt geht es weiter.

Tag 3: Angekommen.

Rückblickend betrachtet fängt es ab Göttingen an Spaß zu machen. Beim Bilck aus dem Fenster stelle ich erfreut fest, dass der Schnee dem Regen gewichen ist. Ich bin noch nie gerne im Regen gefahren, aber heute freue ich mich schon fast darauf. Alles ist besser als dieser fieße Schnee und diese garstige Kälte von gestern.

Nun gilt es meine Optionen auszuchecken. Meinen Gedanken, den Paln nach Hamburg zu fahren, abzublasen ist jedenfalls vom Tisch. Wie blöde wäre es jetzt wieder nach hause zufahren? Nach dem ursprünglichen Plan stünde als nächstes eigendlich Hannover auf dem Plan. Allerdings hat meine Übernachtungsnmöglichkeit Ben erst ab morgen für mich Zeit. Durch meine Zugfahrt gestern bin ich einen tag zu früh dran.

Ich beschließe wenigstens einen Teil der Strecke zu fahren. Zumindest bis Hameln. Dort gibt es eine Jugendherberge. Das liegt zwar  fast genau so weit entfernt von Göttingen wie Hannover und auch nicht ganz auf der Strecke aber immerhin bin ich hier um Rad zu fahren. Abgekürzt hab ich in den letzten Tagen schon genug.

Nach einem gemütlichen Frühstück bei meinen herzlichen Gastgebern schlüpfe ich in meine Radklamotten, was zumindest für Belustigung sorgt. Als auffällt, dass meine rechte Socke ein Loch hat, wir mir angeboten dieses doch stopfen zu können. In welchem Hotel dieser Welt wird dir ein „Stopfei“ angeboten. Ich wusste bis dato nicht einmal was das sein soll. Deshalb liebe ich es bei Freunden unterzukommen.

 

Um 10 Uhr trete ich los in den Regen. Auch der Wind ist nicht gerade zurückhaltend. Ich bin nur froh, dass ich nicht friehre und die Straßen nicht mehr glatt sind. Also erfreue ich mich an dem Anblick, der sich mir bietet. Niedersachsen. Mit seinen Backsteinbauten, flachen Hügeln, Deichen, Wäldern und Ortsnahmen, die mich zu allerlei Wortwitzen in meinem Kopf ermutigen. Stunde um Stunde wird es hier nordischer.

Irgendwann zeigt sich sogar die Sonne. Zaghaft zwar aber für meine Laune unermesslich. Wie glücklich so ein wenig Sonne machen kann. Ich blicke in die Landschaft und erlebe etwas das ich nur erlebe, wenn ich lange auf dem Fahrrad sitze. Ein bestimmtes Gefühl von Einsamkeit stellt sich ein. Kein beklemmendes oder beängstigendes. Nein. Eher ein bestimmtes Gefühl der Sorglosigkeit und der Reduzierung auf das Elemtare. Nur ich und Weg vor mir. Eine Kurbelumdrehung nach der anderen. Flow. Ein grundeinfaches Prinzip – ein Befinden welches mich immer wieder glücklich macht.

In diesem Zustand beginne ich irgedwann damit mich selbst zu beschäftigen. Ich spreche mit mir selbst. Manchmal singe und reime ich auch für mich. Dann höre ich mir selber zu wie ich zu mir selbst spreche. Metaunterhaltung. Schwer zu beschreiben dieser Zustand.

Den Zustand des aufkommenden Hungers sollte jeder keinnen. Ich mache Pause in einer Stadt, die auf den ersten Blick ausschließlich aus Fachwerkhäusern gebaut wurde. Wunderschön jedenfall. Damit ich nicht zu nationalstolz und patriotisch werde (von wegen wie schön unser Land ist und so) parke ich meine Reisemaschiene vor einem Dönerladen. Auch an den Preisen merke ich, dass ich weit weg von München bin.

 

Bevor ich zu sehr auskühle fahre ich wieder los. An einem Supermarkt decke ich mich mit Zucker und Wasser ein.  Typische Radreisesachen eben. Ich trete weiter und weiter. Über Feldwege, an Flüssen entlang, an Burgen vorbei. Ich unterhalte mich köstlich mit mir selbst und denke an nichts. Nach und nach schwindet das Sonnenlicht. Immer wieder beginnt es zu regnen. Müde und glücklich fahre ich um 17:00 Uhr in das verregnete Hameln ein. 97 km. Heute ging es endlich mal vorran.

Die Jugendherberge hält was sie verspricht. Nichts. Mehr brauche ich aber auch nicht. Ich bin, abgesehen von einer scheuen jungen Frau mit Flüsterstime, scheinbar der einzige Gast im Haus, wesshalb sich der Begriff „Gemeinschaftsbad“ als fragwürdig erweist. In meinem Zimmer stehen drei freie Hochbetten. Steckdose gibt es nur eine. Wenigstens funktioniert die Heizung und so findet jedes meiner nassen und klammen Kleidungsstücke ein wärmendes Plätzchen.

Nach einem Tag im Regen ist meine Bedürfnisspyramide sehr flach strukturiert. Ich brauche jetzt vor allem etwas zu Essen. Ich ziehe in die Richtung in der ich die Innenstadt vermute. Mit dem Entschluss, das erstbeste Essen zu mir zu nehmen, das mir über den Weg läuft. Das erstbeste Essen ist ein unfassbar schlechtes Nudelgericht in einem italienischen Imbiss in einem Einkaufszentrum. Wie man das grundeinfache Gericht Spagetti Bollognese so sehr verkacken kann ist mir ein Rätzel. Wäre ich nicht so hungrig und hätte ich ein wenig mehr Selbstachtung würde ich das „Gericht“ zurück gehen lassen. Doch Selbstachtung zu bewahren ist schwer, wenn man nur mir einer Jogginghose, einem Flecepullover und schlammigen Fahradschuhen in einer Shoppingmal unterwegs ist.

Im einkaufszentrumseigenen REWE kaufe ich mir flüssige Nahrung. Ich habe so eine Ahnung, dass mich das Frühstückbuffet in der Jugendherberge nicht ausreichend glücklich machen wird. Trinkjogurt, smoothie und meine neue Geheimwaffe in der Trinkflasche: Bannanensaft.

Der Rest meines Abens ist übersichtlich. Bett grob beziehen. Wecker stellen und schnell wie immer einschl…………..

 Tag 4: Genuss

Von Hameln nach Hannover ist es nicht weit. Das weiß ich. Außerdem hat meine Übernachtungsmöglichkeit erst am Abend für mich Zeit. Ich habe alle Zeit der Welt. Warum ich so früh aufstehe verstehe ich im Nachhinnein selber nicht.

Das Buffet in der Jugedherberge ist besser als erwartet. Die Schilder an Wand halten mich nicht davon ab mir eine Brotzeit in Form von zwei Semmeln einzupacken. Andererseits weiß ich auch, dass sich niemand nach mir am Buffet bedienen wird. Schnell noch Kräutertee und Kaffe tanken. Danach Katzenwäsche und Hautpflege. Die Taschen sind viel zu schnell gepackt. Das Rad wird aus dem einsammen Fahrradschuppen geschoben und auch sonst weiß ich nur wenige Gründe warum ich nicht einfach los fahren sollte.

Die Luft ist angenehm mild zum ersten mal auf dieser Tour brauche ich keine Jacke und auch die zwickende Regenüberhose bleibt verpackt. Bestens. So fühlt sich vielleicht Freiheit an.

Nach einigen Metern mache ich einen Boxenstopp. Das Geräusch der knischenden Bremse habe ich zunächst für Dreck und Sand gehalten. Dreckig genug war mein Rad gestern. Doch auch eine Behandlung mit den feuchten Tüchern und Handtüchern aus dem Spender der Jugendherberge (Ich nehme wirklich alles mit was ich brauchen kann) hilft nicht weiter. Bei genaueren Blick auf die Bremsbeläge wird mir das Problem schnell klar. Die sind runter. Metal drückt auf Metal. Trotz aller Radreisetips und Packlisten habe ich noch nie in meinem Radfahrerleben Ersatzbremsbeläge eingepackt. Heute da ich wirklich welche brauchen könnte: Schon. Ich glaube es selbst nicht. Irgendwie hab ich die spontan beim Wühlen in der Zubehörkiste wärend dem Packen noch in die Rahmentasche gestopft. Es muss Schicksal sein und das meint es gut mit mir.

In den nächsten Stunden fahre ich durch eine märchenhafte Hügellandschaft. Nebel und Windräder um mich herrum. Keine 30 Minuten auf dem Rad und der Nimbus der Einsamkeit und Freiheit umgiebt mich wieder.

 

Trotz Pause bei einem Gasthof an einem verlassenen Strandbad und einem Abstecker zur zauberhaften Marienburg komme ich viel zu schnell vorran. Zu viel Zeit und zu wenig Strecke. Ich könnte noch ewig so weiter fahren. So hatte ich mir das vorgestellt. Fröhlich in die nordeutsche Landschaft preschen.

Am Nachmittag komme ich in Hannover an. Meine übrige Zeit weiß ich mir gut zu vertreiben. Ich setze mich in ein Seniorenkaffe, trinke Heißgtränke und lese. Später besuche ich noch das ansässige Hallenbad. Dafür muss ich mir zwar eine hässliche Badehose kaufen, was den Eintrittspreis deutlich in die Höhe treibt, doch das Gefühl im warmen sprudelnden Wasser zu treiben macht sich bezahlt. Aus Mangel an einem Handtuch lasse ich mich Lufttrocknen und verbringe viel Zeit am Fön.

Mein Gastgeber gabelt mich an der Tankstelle (hier gibt es Bier) auf. Ben ist Banker mit verschmitzten freundlichen Blick und der Beweis dafür, dass Radfahrer gute Menschen sind. Wir kennen uns nicht. Dennoch läd er mich auf seine Chouch ein, als er in einer Facebookgruppe von meinem Vorhaben hört. Wir sprechen über Berufe, das Leben und Radfahrerkram. Ben macht Flammkuchen und verköstigt mich mit erlesenen Gingetränken. Was für ein netter Abend. Danke Ben!

Tag 5: Finale

Vor mir liegt die Königsetappe. 150 km sind es noch bis Hamburg. Machbar und durch das Ziel vor Augen doppelt machbar. Der Gin von gestern Abend bremst mich zwar noch etwas und auch die Müdigkeit lässt sich den ganzen Tag über nur schwer abschütteln.

Die Strecke selbst ist wundervoll. Alles zwischen Hannover und Hammburg scheint wie für das Rennradfahren gemacht. Sanfte Steigungen, endlos lange gerade Straßen. Ich genieße jede Kurbelumdrehung, jeden Hügel und jede Kurve.

Die Temperatur hat wieder etwas nachgelassen darum lege ich mir meine Jacke an. Allerdings lasse ich den Reisverschluss offen um genügend Luft abzubekommen. Eine banale Sache wie scheint, doch für mich in diesem Moment von großer Bedeutung. Zum ersten Mal in dieser Woche habe ich genauch das richtige an. Es ist nicht zu warm und nicht zu frisch. Auf meiner Haut herrscht das perfekte Klimaverhältnis.

 

Ich fahre die kleinen Orte ab und halte einem Supermarkt. Frühstück aus der Plastikverpachung und Saft. Dazu ein netter Plausch mit der Kassiererin. Ich habe besste Laune. Ach ist das alles herrlich hier.

So zieht es mich immer weiter und weiter meinem Ziel entgegen. Den ganzen Tag sitze ich auf dem Rad. Mal geht es schleppend mal wie im Flug. Mal habe ich den Wind im Rücken mal im Gesicht. Immer dabei ist meine vertraute Radfahrereinsamkeit und zu gleichen Teilen auch die Seehnsucht nach zu Hause.

 Ein Highlight des Tages und der gasamten Tour stellt für mich die Lühneburger Heide dar. Am späten Nachmittag durchquere ich dieses Kleinod und kann, obwohl ich hier schon war, es fast nicht glauben, dass dies das selbe Land ist, wie das in dem ich meinen Alltag verbringe. Hier möchte ich immer wieder her kommen. Hier gefällt es mir. Auch wenn ich mich kurz verfahre und im sandigen Matsch der Waldwege fast stecken bleibe.

 

Es geht bald zu Ende und wie fast jedes Ende zieht es sich. Die letzten 30 km entpuppen sich auch dröge Angelegenheit. Kein Wunder. Ich ja auch fast keine Pause gemacht heute. Die Sonne schwindet allmählich und meine Augen werden müde. Der Feierabendverkehr auf der Landstraße raubt mir den letzten Nerv und als ich endlich Hamburg – Harburg erreiche atme ich auf. Ab hier kenne ich mich aus. Ab hier fühlt es sich fast schon wie zu Hause an.

Ich lasse auf den letzen Metern die Geschwindigkeit weg und rolle durch mein altes Viertel Hamburg Willhelmsburg. Fühlt sich seltsam an. Aus der Einsamkeit mitten in das wilde Abendgestöber geworfen zu werden. Mir wird das fast zu viel.

Als ich nach einem langen erfüllten Tag mein Rad das Treppenhaus bei meinem Freund Peter hinauftrage bin ich glücklich. Trotz aller Rückschläge und erzungener Abkürzungen bin ich mit meinem Rad in Hamburg angekommen. Ich hatte eine voll gepackte und spannede Woche. Wiederlichkeit und Freude. Abenteuer halt.

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Ende:

Vergleicht man den ursprünglichen Plan von knapp 800 km und die tatsächlich zurück gelegte Strecke von etwa 455 km könnte man traurig werden. Muss man aber nicht. Ich hatte ein prima Abenteuer. Unterm Strich sind das nur Zahlen und in Zahlen lässt sich ein Abendteuer nicht messen.

Abenteuer haben ist so einfach. Man muss einfach mit einem Zeil und einem groben Paln von seiner Haustüre los fahren. Klar. Dennoch ist es sinnvoll einen Plan B zu haben.  Starker Schneefall macht die Straßen innerhalb von wenigen Minuten unbefahrbar. Ein paar Grad weniger als erwartet können einen ganz schon ausbremsen. Das habe ich mal wieder gelernt.

So wie ich auch gelernt habe, dass aufgeben verlockend sein kann aber es sich häufig lohnt trotzdem weiter zu machen. Eine Entscheidung sollte niemals unterkühlt, hungrig und müde getroffen werden. Oft sieht nach einer Nacht in einem warmen trockenen Bett die Welt wieder ganz anders aus. In meinem Fall ist sogar der Schnee verschwunden und die zweite Hälfte meiner Tour war ein einzuger Genuss.

Was habe ich noch gelernt?

  • Gerade bei nassen Verhältnissen macht es Sinn Ersatzblemsbeläge einzupacken.
  • Wichtige Teile vom Fahrrad, wie die Kette und die Schaltung sollten möglichst immer sauber gehalten werden und gut geölt sein.
  • Eine kleine Badehose mitzunehmen braucht nicht viel Platz und macht sich nach einem kalten Tag auf dem Rad bezahlt.
  • Kalte Füße können einen den Tag versauen. Ich denke über die Anschaffung von richtigen Winterfahrradschuhen nach.
  • Essen Essen Essen. Wer stets gerade gegessen hat kommt besser vorran. Hungrig werden auch Kleinigkeiten zur Katastrophe.
  • Radfahrer sind gut Menschen.
  • Mit dem Rennrad bei Schnee fahren ist nicht nur beschissen, sondern auch gefährlich.

Ich könnte diese Liste noch unendlich fortführen. Doch was hättet ihr davon? Erfahrungen und Erlebnisse sammelt man am besten noch selbst. Ich für meinen Teil komme reich beschenkt zurück nach Hause. Ich freu mich auf schon auf meine nächste Tour. Wohin es wohl gehen wird?

Zuletz noch ein video, dass wärend der 5 Tage entstanden ist. Danke für eure Aufmerksamkeit.

Love – and a save ride.

 

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5 Kommentare zu „Dezembererkenntnis II: …wenn man es aber trotzdem macht freut man sich.

  1. Sehr schön geschrieben, ich hab’s gern gelesen. Das Video finde ich ebenfalls sehr gelungen. Guter Schnitt und passend gewählte Musik. Was für eine Kamera hattest Du da am Start?

    1. Hi. Dankeschön für die Blumen. Kamera war eine ganz easy action cam von rollei. 420 glaub ich. Technische details sind nicht so sehr meine Leidenschaft. Keep up and a save ride.

  2. Hallo Jobinski, habe dich gerade über Deine Anmeldung beim Candy gefunden. Schöner Blog. Und deine Winter(tor)tour ist ganz großes Kino! Ein bisschen Größenwahn ist bei der Planung gar nicht schlecht und wenn die Pläne dann nur bedingt aufgehen – so what. Den Candy hatte ich in diesem Jahr auch auf dem Schirm aber organisatorisch war das leider nicht für mich drin. Umso mehr freue ich mich auf die Berichte, und jetzt auch besonders auf Deinen!
    Viele Grüße aus Duisburg!
    Markus

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