Candy B 2018 Teil 3 – Lehm und Wahnsinn

Was bisher geschah

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Um 4 Uhr morgens schafft der Wecker Tatsachen.

Trotz Kälte ordnen wir etwas orientierungslos unsere Sachen zusammen. Sind ja nicht sehr viele. Rein in die kalten Socken, rein in die ewig nassen Schuhe, die schlammigen Überschuhe darüber, rein in das klamme Trikot. Alles ist nassn schlammig oder klamm. Nur die Stimmung ist gut. Besser als gestern kann es heute nur werden.

30 Minuten später stelle ich auf dem Rad sitzend fest, dass mein linker Schalthebel nicht mehr will. Ist der Zug gerissen? Nein. Gelockert auch nicht. Hat wohl vor lauter Schlamm gestern einfach den Dienst eingestellt. So bleibt mit nur das kleine Ritzel zum Treten. Besser als umgekehrt, denke ich und in Ermangelung einer Werkstatt treten wir eben weiter.

Wir fiebern pedalierend durch die Nacht dem Sonnenaufgang entgegen. Durch die Innenstadt des schlafenden Bad Langensalza weiter in den Tagesanfang.

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Ein Wegabschnitt führt uns über einen Feldweg, der vom gestrigen Dauerregen zur Schlammgrube mutierte. Fahrend ist hier kein Weiterkommen. Füße, Reifen, Schutzbleche, Pedale: alles verklebt binnen Sekunden und nur mithilfe eines stück Holzes kann ich meine Schutzbleche, Bremsen und Pedale vom groben Schlamm befreien und weiter schieben. Meine Füße versinken in schweren Matsch und auch meine Laune. 2 km ist das Stück Feldweg ungefähr. Wir brauchen eine Stunde bis wir wieder auf Asphalt stehen. Das nervt tierisch und erscheint uns vollkommen sinnfrei. Wir wollen irgendwann auch mal in Berlin ankommen und darum umfahren wir das nächste Ackerstück auf der Landstraße. Das ist zwar gegen den Kodex, doch der kann uns gerade mal. Bevor unsere Räder kaputt gehen und unsere Launereserven vollständig aufgebraucht, gönnen wir uns diesen shortcut.

Die kleine Bäckerei hat die Türe geöffnet und das Licht brennen. Es zieht uns zum Kaffee wie die Motten zum Licht. Unter unseren schlammigen Füßen bleibt der frisch gewischte Boden nicht lange frisch gewischt. Das ist mir etwas unangenehm.

Der Pot Kaffe (so wie das hier heißt)  ist lächerlich günstig und Großvaters Meisterbrief aus dem dritten Reich samt Reichsadler und Hakenkreuz hängt prominent neben der Eingangstüre. Willkommen in Thüringen.

Wir verpassen den Sonnenaufgang doch das macht uns wenig, dafür wirkt der schwarze Kaffee bei uns Wunder. Die Laune steht wieder auf Fahrspaß und wir haben bald wieder Betriebstemperatur.

Bei einer Tankstelle findet sich ein Hochdruckreiniger. Für zwei Euro werden wir den lehmigen Schlamm wieder los. Auch unsere Schuhe und Überschuhe werden befreit. Ich wiege sicherlich 5 kg weniger. Außerdem drehen sich meine Räder wieder und das immerhin das was sie eigentlich sollen.

Das Mittelgebirge liegt zwar hinter uns, was nicht bedeutet, dass wir auf diesem Teil der Strecke keine Höhenmeter zu bewältigen haben. Dass meine schweren Gänge nicht mehr zu schalten sind, merke ich gar nicht.

Halb neun: die wärmende Sonne kommt heraus und das nicht unbedingt zaghaft.  Über uns die Sonne und unter uns der Matsch. Ja schon wieder. Nach wenigen Augenblicken auf dem Feldweg werden meine 2 Euro zum rausgeworfenen Geld. Alles wieder beim Alten. Der Candy verhöhnt uns. Wir finden uns in einem Wegabschnitt wieder, das uns den letzten Nerv raubt. Fießer teigiger Lehmboden, vermischt mit Gras verstopft alles an unseren Rädern was sich bewegt. Da hilft es auch nicht auf die Wiese auszuweichen oder das Rad zu tragen. Der Lehm ist so hartnäckig und allgegenwärtig, dass alles erbarmungslos verschluckt wird. Ich denke über einen Abbruch nach.

Ich bin hier in meiner Freizeit. Ein Anrecht auf wenigsten ein bisschen Freude steht mir also durchaus zu. Manchmal schreie ich die Landschaft an. Gefühlte 90 Minuten später haben wir die 500 Meter lange lehmige Hölle überwunden. Andreas und ich setzen uns erstmal und gönnen uns einen Moment zum Nachdenken.

Dass sich diese Tour, dieser Tag oder dieser Candy noch zu einer schönen Ausfahrt entwickeln wird ist in diesem Moment so realistisch wie Alf. Wir beschließen, mehr aus Trotz, den Rest des Candy keine Feldwege mehr zu fahren. Ab sofort kommt  nur noch befestigter Untergrund in Frage. An der nächsten Kreuzung setzen wir unseren Entschluss in die Tat um und werden erneut Kodexbrüchig. Vollkommen unnötigerweise, wie wir später erfahren, den die Fahrer, die wir getroffen haben berichten davon, dass jedes weitere Stück Feldweg absolut problemfrei zu fahren war. Wir haben also umsonst die 3 Km Umweg gefahren und den heiligen Kodex gebrochen. Egal.

Wenig später treffen wir auf Jesko. Er schleift sein Rad hinter sich her. Sein Schaltauge, hängt seit vier Stunden zwischen seinen Speichen fest. Er sei auf der Suche nach dem nächsten Radladen. Andreas hilft mit einem Kettenwerkzeug aus. Das ist zwar auch gegen den Kodex, aber der Kodex (Keine Hilfe von Dritten) ist immerhin auch Schuld an unserer Lage. Diversen Fahrerinnen und Fahrern hat es die Schaltwerke im Schlamm abgerissen. Auf der Tracking seite haben sich manche Punkte sein gestern Nachmittag nicht mehr bewegt. Wir sind also der Meinung , dass man den Kodex zwar durchaus ernstnehmen, jedoch nicht blind sklavisch befolgen muss. Wie gesagt. Radfahren ist meine Freizeitbeschäftigung und zu gewinnen oder zu verlieren gibt es hier ohnehin nichts. Der Kodex ist gut. Aber der Kodex ist nicht immer der einzige goldene Weg.

Unser Weg führt uns an einem großen Supermarkt vorbei. An Supermärkten finden wir alles was uns zurück ins Leben holt. Zwei Stücke Pizza, 2 Liter Bananensaft, Cola, Gummifrösche, eine Sitzgelegenheit in der Sonne, eine echte Toilette und natürlich Kaffee. Es ist noch keine 11 Uhr morgens ich bin trotzdem schon bedient für heute. Da tut eine Pause sehr gut.

Ab dieser Pause läuft alles anders. Nämlich super. Es scheint ein Hebel umgelegt worden zu sein. Die Feld- und Waldwege über die wir fahren kleben nicht mehr fest. Die Höhenmeter treten sich viel leichter weg und die Anstiege sind viel weniger langwierig. Zum ersten mal seit Donnerstag habe ich das Gefühl einmal vom Fleck zu kommen. Der güstig stehende Rückenwind trägt  mit Sicherheit nicht wenig dazu bei.

14 Uhr : Einfahrt in   Lutherstadt Eisleben.

Der Türkische Imbiss kommt unserem Wunsch nach Pasta gerne nach. Auch zeigen sich die Verkäufer interessiert was wir da alles mit uns mitfahren und zum Auslüften in der Sonne ausbreiten. “Habt ihr Wohnzimmer dabei, oder was?”

Bis Berlin sind es von hier noch etwa 180 km. Der insgeheime Plan lautet, so weit zu fahren, dass morgen weniger als 100 km bis Berlin übrig bleiben. Ein schöner Gedanke und so fahren wir uns in Trance.

Die allgemeine Verballerung nimmt mehr und mehr zu. Ich liebe ja  diesen Zustand in den ich nur komme, wenn ich lange mit dem Fahrrad unterwegs bin. Diese Ruhe, dieses an Nichts denken. Eine andere Bewusstseinsebene betreten. Ein toller Zustand. Ein wilkommener Wahnsinn. Ich fresse Kilometer und mein Herz füllt sich aus mit Glückshormonen. Man läuft das gut hier. Die Strapazen der heutigen Morgenstunden scheinen Lichtjahre entfernt.

Um 18:00 Uhr die letzte Pause vor dem Sonnenuntergang. Köthen. Dönerteller und Bier. Bier ist wunderbar in diesem Zustand. Man ist irgendwie sofort betrunken und gleichzeitig wieder ganz schnell nüchtern. Ich versuche mit meiner Freundin zu telefonieren. Wir stellen fest, dass wir uns vermissen obwohl wir gerade in unterschiedlichen Raum- Zeitzonen sind.

Wieder auf dem Rad. Weiter Richtung Elbe. Elbe kenn ich, da hab ich mal daran gewohnt. Ein vertrautes Gefühl kommt hoch alleine bei dem Namen. Auch wenn ich in dieser Ecke des Landes noch nie gewesen bin. Allgemein entwickelt sich diese Fahrt immer mehr zu einer inneren Bildungsreise. Ich habe das Gefühlt, dass ich das Land in dem ich seit 30 Jahren lebe nicht im Ansatz kenne. Jetzt ein bisschen mehr.

Wir fahren in die Dunkelheit unserer dritten Nacht. Ich bin immer noch froh, dass ich Andreas gefunden habe, so habe ich immer ein rotes Licht dem ich hinterher fahren kann. Das ist viel näher als Berlin. Am Elberadweg versuchen wir an einem Biergarten noch einen Kaffee zu bekommen. Wir haben Glück, eigentlich haben die schon zu. Den beiden letzten Gästen auf der Sitzbank fehlen die Worte bei dem Bericht über unser Vorhaben. Mir auch. Verrückt das Ganze. Vor allem, dass das Ende immer absehbarer wir.

Weiter in die Nacht hinein. Noch 130 km. Noch 120 km. Ich bekomme gar nicht mehr mit, was ganau um mich herum passiert, was mir eigentlich noch weh tut und wie meine Stimmung ist. Ich bin ganz und gar stumpf gefahren. 116 Kilometer vor Berlin müssen wir uns kurz setzen. Die Müdigkeit überwiegt mittlerweile jedes andere Gefühl und als wir feststellen, dass wir in einer Bushaltestelle sitzen, müssen wir nicht lange überlegen. Unser Tagesziel ist vorverlegt.

Ich verzichte auf einen Kleidungswechsel, auf Katzenwäsche und Fahrradpflege. Sammt staubigen Beinlingen und mit Radhose steige ich in mein Biwak. In drei Stunden wird der Wecker das große Finale einläuten.

Zahlen des Tages: 225 km, 1500 Höhenmeter, 12 Stunden im Sattel, Distanz bis zum Ziel: 116 km
Sonntag

Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr so sicher, ob wir unsere vorgeschriebene Pause richtig berechnet haben. Die einfache Rechnung Uhrzeit plus 5 stunden war in diesem Moment höhere Mathematik.

Alles verschwimmt in diesen Momenten. Die Zeit wird zu einem seltsamen zähfließenden Gas. Ungreifbar und abstrakt.

Jedenfalls rollen unsere Räder, laut unserer Rechnung, fünf Stunden nach unserem Anhalten los. Auf der Suche nach einem Pot Kaffee.

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© Andreas K.

Diese Suche bleibt vergeblich, Wir sind entweder zu früh dran oder im Niemandsland. Die Wälder Brandenburgs bieten uns kein Frühstück. Trinkwasser finden wir nur am Friedhof. Stattdessen gibt es sandige Waldwege. Mehr schwimmend als fahrend kommen wir vom Fleck. Ganz schön beschissen diese Wege. Egal, wir sind schlimmeres gewohnt. Irgendwann wird es hier doch mal einen Kaffee geben.

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© Andreas K.

Wir fahren an den Biwaks von anderen Cadyfahrern vorbei. Vorbei an Rehen und Kaninchen. An verfallenen Schlossruinen und gepflegten und ungepflegten Vorgärten.

Wir rollen weiter und weiter. Bis in den Sonnenaufgang und noch weiter. Irgendwann geben wir unsere Suche nach Kaffe auf. Wir verputzen unsere restlichen Vorräte an Riegeln, Nüssen und die Reserven innerhalb unseres Körpers. Wir treten durch bis Berlin. 116 km in on go. Nur ein Platten zwingt uns zur kurzen Pause. Ein Platten ist ein guter Schnitt. Ich habe in Frankreich schon schlimmeres erlebt.

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© Andreas K.

Alle Snickers und alle Nüsse sind weg. Ich bin fast leer. Müde bin ich auch. Doch jetzt fahren wir das Ding fertig. Die magische Zahl auf unseren Radcomputern schrumpft und schrumpft.

Irgendwann Potsdam. Das ist schon fast Berlin oder? Ein letztes mal Pinkeln. Eine letzte Cola vor dem Zieleinlauf. Die Wege sind vollgestopft mit Joggern und anderen Radfahrern. Alle haben sich rausgeputzt für ihren sonntäglichen Morgensport.  Wir tragen immer noch den verkrusteten Schlamm an unseren Rädern, Schuhen und eigentlich an jedem Kleiungs und Ausrüstungsstück. Wie die Aliens stehen wir am Rand der Metropole.

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© Andreas K.

Berlin, wir sind ja schon in Berlin. Der Verkehr und die Ampeln bremsen uns. Wir wollen nur noch ankommen. Da endlich das Tempelhofer Feld. Wie, wir müssen  ganz rumfahren? Nagut. Eine letzte Ehrenrunde. Dann steht vor uns das Gegenstück zum Luftbrückendenkmal in Frankfurt. Unser Ziel. Wahnsinn. Jetzt ist es also geschafft. Andere Fahrer trudeln ein. Händeschütteln, Umarmungen , Anekdotenaustausch. Fotos Fotos Fotos.  Mein Hunger ist Geschichte. Ich bin nur noch High vor Glück.

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© Andreas K.

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Gemeinsam mit anderen Candypilotem schieben wir unsere schlammigen Bikes zur candy lounge mitten in der cleanen Velo Berlin. Kulturschock. Was wollen die ganzen Leute hier? Kaffee, endlich Kaffee. Und kalte Getränke gibt es auch. Sitzen, wie super ist das denn. Es ist geschafft.

 

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© Andreas K.

 

Fazit und ein Video folgen in Kürze

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9 Kommentare zu „Candy B 2018 Teil 3 – Lehm und Wahnsinn

  1. Echt Wahnsinn, was ihr für einen Ärger mit dem Schlamm hattet und hier habt meinen Respekt, dass ihr das trotzdem durchgezogen habt.
    Durch unser hohes Anfangstempo konnten wir die thüringischen Feldwege vor dem großen Regen unter den Rädern nehmen und bleiben somit von dem fiesen Lehm verschont. Einzig Freitagmittag kurz vor der Hainichbaude sind wir mal richtig nass geworden und Samstagfrüh um Eisleben herum hatten wir mit rutschigem Schlamm zu kämpfen.

  2. Sehr geil! Ich habe deinen Bericht gern gelesen und förmlich mitgefiebert! Herzlichen Glückwunsch auch noch einmal zur geschafften Tour!

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