München – Amsterdam in 5 Tagen: Teil I „Hitzewelle“

Tag 1

Anfang August  bin ich in 5 Tagen mit dem Rad von München nach Amsterdam gefahren. Dies ist mein Bericht darüber.

Es beginnt, wie es sich für einen Urlaub gehört, nicht in den frühen Morgenstunden. Es beginnt mit einem Kater. Am Abend zu zuvor hatte ich einen Auftritt bei einer Lesebühne. Hinzu kamen noch seltene Übernachtungsgäste und so kam eines zum anderen und ich erst sehr spät ins Bett.

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Jeder Ausflug beginnt mit einer Fahrt im Aufzug. Viel dabei habe ich nicht.

Zum Glück ist das Rad schon fertig gepackt. Mittlerweile habe ich beim Packen von Fahrrädern gerade einigermaßen Routine. So wenig Gepäck wie diesmal war es allerdings noch nie. Draußen werden Hitzerekorde gebrochen und ich möchte draußen schlafen. Das bedeutet: Mein dicker Daunenschlafsack bleibt zuhause. Isomatte, Biwaksack und Seideninnenschlafsack müssen reichen.

Um 12:00 Uhr komme ich von Zuhause los. Die Hitze lässt sich eigentlich nur durch den Fahrtwind ertragen. Also produziere ich welchen. Am laufenden Band.  Als ich nach etwa 3 Stunden meine pochenden Beine in einen Bach halte stellen ich fest, dass ich nicht weit vom Wohnort meiner Oma vorbei komme. Tatsache. Ein Anruf und ein kurzer Umweg. 30 Minuten später sitze ich bei meiner Oma in der kühlen Küche und werde verpflegt. “Reste von gestern“ sagt meine Oma. Für mich schmeckt alles nach Gourmetküche. Gemüsesuppe, Käsebrot und Strudel mit Vanilleeis. Der Tank ist wieder voll. Zu schade, dass ich nicht noch 10 weitere Omas auf meiner Strecke wohnen habe.

Ich offenbare meiner Oma meine Pläne. Diese ist ganz erstaunt, dass ich nicht wieder zurück nach München fahre, sondern in das 730 km entfernte Amsterdam. Sie zeigt sich besorgt darüber, dass ich gar keine Unterkünfte aufsuchen werde sondern vor habe draußen zu schlafen. Meine Versuche der Beruhigung  laufen ins Leere. Ich muss versprechen regelmäßig mein Wohlergehen per Whatsapp zu bestätigen. Außerdem macht sie sich eine Kopie von meinem Roadbook / Höhenprofil und meinen ungefähren Tageszielen. Dotwatching nach alter Schule.

Eine Stunde später sitze ich wieder in der Mikrowelle. Weiterfahren ist das einzige was hilft. Fahrtwind und so. Außerdem versuche ich zu trinken was das Zeug hält. Immer wieder stoppe ich beim Supermarkt. Irgendwann muss diese Hitze doch mal nachlassen. Bis dahin hangle ich mich von Kühlregal zu Kühlregal.

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Mein Blick schweift durch die Landschaft und über die Karte auf der Suche nach einem See, einem Fluss oder einem Eisberg. Wie gerne würde ich mir den Schweiß und das Salz von meiner Haut und aus meinen Kleidern waschen. Doch alle Wasserstellen an denen ich vorbei komme entpuppen sich als unbrauchbar. Die Temperaturen der letzten Wochen waren für die Algenpopulation eine ware Freude. Mein Pech, denn ich stehe immer wieder nur vor grünen Tümpeln. Wenn sonst keiner hier badet, hat das wohl seine Gründe. Schade. Also weiter im eigenen Saft, weiter dem Ziel entgegen.

Auch der Sonnenuntergang bringt nicht wirklich eine Abkühlung. Dafür aber eine wundervolle Stimmung. Über die Hügel der Frankenhöhe (?). Durch die Orte und an den Alleen entlang ist alles in ein friedvolles Licht getaucht. Ich bin sehr glücklich mal wieder unterwegs zu sein. 35 Grad hin oder Salzkruste am Trikot her.

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Abkühlung gibt es im klimatisieren Schnellrestaurant. Zucker und Kaffe. Whatsapp an Oma und Anruf an die Freundin. Seit zwei oder drei Stunden kann ich super durchtreten. Das gilt es auszunutzen. Für Müdigkeit ist jetzt noch keine Zeit. Ich möchte erstmal einen guten Auftakt der Reise hinlegen. Über 800 km wollen immerhin bis Freitag Abend weggetrampelt werden. Da ist ein kleiner Puffer sicher nicht verkehrt.

Mit Koffein und Zucker im Blut geht es wieder auf die Straße. Ich bin ausgekühlt darum komme ich nur ein paar Meter weit. Kleidungsstop. Weste und Armlinge. Viel besser. Gerade fühle mich unaufhaltbar. Gerade.

Im Schein meiner Lampen ziehen die Orte vorbei. Alleen und Rehe. Viele Rehe. Vor mir Auf der Straße, auf den Feldern und im Graben. Immer wieder blicke ich in reflektierende Augenpaare. Drei , vier, Fünf. Irgendwann höre ich auf zu zählen. Der Wald und die Straße gehört um diese Zeit den Tieren. Radfahrer haben hier nichts verloren. Ich fühle mich wie ein Eindringling. 0:00 Uhr. Zeit eine Schlafstelle zu suchen.

Lange finde ich nichts passendes. Wie immer bleiben potentiellen die Schlafgelegenheiten, die man den ganzen Tag über gesehen hat im entscheidenden Moment aus. Da endlich. Im nächsten Ort (Brettheim) zeigt mein Navi 196 km und einen Fussballplatz an. Mit Fussballplätzen habe ich gute Erfahrung gemacht. Zwar nicht in meiner Jugend, aber als Radreisender. So finde ich auch hier einen ebenen und trockenen Boden, einen Sichtschutz und sogar ein Dach über dem Kopf. Mehr als ich zum Schlafen brauche. Eine Dusche, ein Physiotherapeut und ein Sportmannschaftskoch wären natürlich super. Man kann nicht alles haben.

Bei mir gibt es Katzenwäsche für Gesicht und Fahrradkette. Zähneputzen und ab in den dünnen Seidenschlafsack. Der wird heute absolut reichen. Die sind Augen schwer. Die Beine sowieso. Ich bin glücklich. Heute war ein guter erster Tag.

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Tag 2. Die Hitze und der Tod

Wecker um 5:30 Uhr. Aufstehen um – keine Ahnung irgendwann später halt. Ich bin im Urlaub und nicht auf einem Rennen. So wie ich mich kenne, muss ich mich sowieso eher einbremsen heute, anstatt alle meine Körner zu verbrennen.

Ich schiebe mir irgendetwas essbares in den Mund. Hab vergessen was. Ist das wichtig? Kaffe oder ähnliches muss ich mir erst “verdienen”. Durch 15 km Radeln durch die Morgenröte. Es könnte mir sehr viel schlechter ergehen.

Schronzberg. Frühstück am Supermarkt. Es gibt Kaffe aus der großen Thermoskanne. Ich lege die Beine hoch. Lieber langsam angehen lassen. Schon jetzt lässt der aufkommende Tag erahnen, dass es heiß werden wird.

Wird es.  Egal wie schnell oder langsam ich fahren werde. Geschwindigkeitsrekorde werden heute nicht gebrochen. Also kurbel ich mich langsam, Kilometer für Kilometer mein Höhenprofil entlang. Schwabisch Hall. Hoch und runter. Ziemlich schön eigentlich. Und uneigentlich auch.

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Insgeheimes Ziel für heute ist Friedberg (Hessen) bei Frankfurt irgendwo. Das wären für heute etwa 180 km. Mal sehen ob ich das schaffe. Auf dem Rad zu fahren fühlt sich an als würde ich durch Kartoffelsuppe schwimmen.

Pause in Bad Mergenheim. Einkehr im Supermarkt. Alles schon Standartaublauf.

Wieder auf die Straße. Es geht immer noch bergauf und bergab. Super Aussicht gibt es gratis dazu. Angenehme Hügel vor und hinter mir. Burgen und Felsen rechts und links von mir. Sehr schön hier alles. Nur eben sehr heiß.

Im Straßengraben liegt ein totes Reh. Nicht das erste auf dieser Tour auch nicht das zweite.  Ich habe damit begonnen die angefahrenen verendeten Tiere im Straßengraben zu fotografieren. Eine morbide Bildergalerie mit dem Titel: „The dark side of roadcycling“, die ich euch hier ersparen möchte. Der Tot wird mein unliebsamer Begleiter auf dieser Tour sein. Bis ich in Amsterdam ankomme werde ich sicher über zehn tote Rehe, Hasen, Dachse oder andere Tiere in jeweils unterschiedlichen Verwesungszuständen, entdecken müssen. Manchmal steigt mir auch nur der süßliche Geruch von Verwesung in die Nase.

Irgendwann kommt endlich ein fließendes Gewässer. Ich nutze die Gelegenheit um mir den Dreck von gestern und heute herunter zu waschen. Außerdem verordne ich mir ein knappe Stunde Ruhe in der ich 600g Studentenfutter vernichte. Ich fühle mich fast schon wie neugeboren. Gleich nochmal rein in den eisigen Bach.

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Weiter geht es durch den schattigen Wald. Vorbei an einer Tierverbrennungsanlage. Der Weg ist sehr schön. Nur der Geruch von Tot bleibt unangenehm. Ich bin nur froh von der viel befahrenen Straßen runter zu sein. Auch, wenn ich dafür einen Umweg in Kauf nehme.

Irgendwann wird die Hitze unerträglich. Meine Laune schwindet mehr und mehr. Das merke ich daran, dass ich alle überholenden Autos lautstark verfluche. Irgendwann Pause beim Dorfimbiss. Kurz vor Schließung noch einen Griff in den Kühlschrank geschafft. Getränke Getränke Getränke. Ich trinke eindeutig zu wenig.

Ich bleibe solange im klimatisierten Raum sitzen bis mich die Verkäuferin höflich vor die Türe setzt. Ich muss weiterfahren.

Irgendwann komme ich an den Main. Das Thermometer zeigt 40 Grad. Um mich herum  scheint alles wie verbrannt. Jedes Stück Wiese ist welk. Die Luft ist trocken und staubig. Ich bekomme das Gefühl irgendwo im Süden, beispielsweise in Spanien zu fahren. Auf keinen Fall fahre ich gerade in Richtung Norden. Unwirklich das alles.

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Meine Route ist schlecht geplant. Weil ich sie überhaupt nicht geplant habe. Einfach der Routenplanung von Komoot zu vertrauen hat sich schon auf meinem Weg nach Prag als Fehler herausgestellt. Von oben brüllt die Hitze, von links brüllen die LKWs. Ich brülle zurück. Ich bin richtig sauer. Großer Vorsatz für kommende Touren. Mehr Zeit in die Routenplanung invertieren. Einfach drauf los zu fahren klappt zwar auch, allerdings geht eventuell der Spaß flöten. Wie zum Beispiel jetzt.

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Als das Thermometer auf 41,7 Grad steigt reicht es mir. Das ist eindeutig zu heiß. Am Friedhof finde ich Abkühlung. Ich schütte mir eine große Gießkanne kaltes Wasser vom hiesigen Brunnen über den Leib. Das verschafft kurzzeitig Abkühlung. Kurzzeitig aber immerhin. Weiter am Mainradweg entlang. So weit es eben geht. Ich mache kaum Fotos. Alles ist anstregnend.

Wenig später, am Mainradweg versuche ich mich nochmal im Wasser abzukühlen. Mit mäßigen Erfolg. Das Wasser im Fluss ist lauwarm. Alles was mir verschaffe ist eine sandige Radhose. Man ist das alles beschissen gerade.

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Das linke Bein ist müde.
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Das rechte auch

Ich kämpfe mich weiter. Irgendwann ein ausführlicher Stopp an einer Tankstelle. Das ist zwar nicht der romantischste Platz, aber hier finde ich alles was ich zur Rückkehr in die Menschlichkeit brauche. Salat, Saft, Kaffee und eine sehr saubere Toilette. Außerdem genehmige ich mir eine halbe Stunde stumpf in die Luft zu glotzen. Wenigstens komme ich einigermaßen gut voran.

Whatsapp von Oma: „Bitte übernimm dich nicht. Lieber etwas später am Ziel ankommen als kraftlos. Wo hast du heute Nacht geschlafen?

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Wieder aufs Rad, wieder in die Glut. Nicht lange. Ich biege bei der nächsten Gelegenheit ab um einen Drogeriemarkt aufzusuchen. Mach ich eigentlich andauernd Pause oder fahre ich zwischendurch auch mal Rad? Die Zeit wird sonderbar. Besonders in der Erinnerung. Es hilft ja nichts. Ich brauche Pflegeprodukte. Mein Intimbereich gleicht dank Hitze und Dreck der Schlacht von Verdun. Bei den Wickelprodukten werde ich fündig. Babypuder wird ab sofort zu meiner neuen Geheimwaffe und mein treuer Begleiter.

Immer schärfer kratze ich an der Kapitulation. Ich habe Kopfschmerzen und außerdem ist mir schlecht. Ich tippe auf Hitzschlag und wie so oft auf meinen Touren denke ich über einen Abbruch nach. Ein Freund von mir feiert am Samstag ein großes Fest. Mit Feuer, kalten Getränken, alten Freunden und einem Grill. Ich könnte einfach den Bus nach Stuttgart nehmen und als Überraschungsgast auftauchen. Das klingt sehr viel verlockender, als drei weitere Tage Ober- /Unterhitze.

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Ich schlucke meine Übelkeit runter und suche einen Schlafplatz. Mein ursprüngliches Ziel Friedberg ist nicht mehr weit und außerdem bin ich wirklich völlig erledigt. Die Ausicht die sich mir irgendwo bei Frankfurt auf einem sanften Buckel mit perfekten Staßenbelag bietet ist außerordendlich schön. Doch das bekomme ich gar nicht richtig mit. Schade um den schönen Moment.

Ich finde wieder einen Schlafplatz an einem Fussballplatz. Während ich mein abendliches Ritual beginne entlädt sich am Horizont (Ich vermute über dem vor mir liegenden Taunus) ein Gewitter auf das die Welt gewartet hat. Über den ganzen Horizont erstrecken sich Blitze. Es donnert kräftig. Der Wind pustet mir feuchte milde Luft ins Gesicht. Auch wenn ich mir eine Abkühlung nur wünschen würde, bin ich froh, dass ich nicht dort drin stecke. Da ist es schon sehr viel gemütlicher hier. Oder nicht?

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An Einschlafen ist nicht zu denken. Ich habe die irrationale Angst von jugendlichen Dorfbewohnern ausgeraubt zu werden. Als ein Hund, während seinem Mondspaziergang an mir schnüffelt stelle ich mich mit Herzklopfen schlafend. Dabei ist an Schlaf die nächsten Stunden überhaubt nicht zu denken. Mein Kopfkino zeigt Grusel- und Gewalltfilme in Überlänge.

Morgen wird hoffentlich alles besser.

Fortsetzung gibt es HIER

2 Kommentare zu „München – Amsterdam in 5 Tagen: Teil I „Hitzewelle“

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