Geht ja doch – Schottergaudi 2022

Es  beginnt damit, dass ich um 7:30 Uhr am Start stehe und den verdammten Track nicht auf mein Wahoo bekomme. Was gestern noch klappte und auch sonst nie ein Problem ist, will plötzlich einfach nicht.

Schon ist es 7:30 Uhr, die Gruppe von Startern und Starterinnen verschwindet um die Ecke. In Richtung Murnauer Moos. Ich drücke resigniert und gleichzeitig nervös auf meinen Geräten herum. Ohne Erfolg.

Also fahre ich eben ohne Track auf dem Navi los. Es muss auch ohne gehen. Die ersten Kilometer der so genannten Schottergaudi trete  ich meine Müdigkeit aus den Beinen. Den Wecker auf 4:30 Uhr zu stellen passt mir eigentlich gar nicht. Doch fürs Radfahren mache ich eine Ausnahme.

Noch vor vier Tagen hatte ich mich spontan angemeldet. Zur Schottergaudi.  Der von Ralph Nöth (Kurbelfest) organisierten Ausfahrt.

Entsprechend halb gut vorbereitet fühle ich mich. Ich bin dieses Jahr nur wenig Rad gefahren. Zu sehr war ich in Arbeit oder Renovierungsarbeiten eingespannt. Aber das ist eine andere Geschichte. 

Die Schottergaudi (ursprünglich einmal das Karwendel Wetterstein Brevet) ist vor etwa zwei/drei Jahren in die Timeline gespült worden. Auch schon damals war mir klar, dass es diese Strecke in sich hat, vor allem wenn man vor hat, die 190 km und die 3800 Höhenmeter in einem Rutsch durchzufahren. Für mich ausgeschlossen. Aber mit einer Übernachtung auf halber Strecke im Karwendelhaus könnte es gehen.

Also finde ich mich endlich einmal wieder bei einer gemeinsamen Abenteuerausfahrt. Nur, dass ich wohl nicht gemeinsam sondern alleine unterwegs bin. Gestatten: Kapitän Schlusslicht.

Viel zu viel Kram habe ich mal wieder dabei. Das merke ich auch schon auf dem ebenen Abschnitt des Moores. Einerseits habe ich mir zu wenig Zeit zum Packen genommen. Andererseits: Das ganze ist irgendwie auch Absicht.  Unterbewusst freue ich mich einfach meine neu gemachten Taschen auszutesten und natürlich auch mein neues altes Bike,die Raupe. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Ich hatte mich spontan angemeldet, mit Freude auf eine Abwechslung von meinem Alltag. Ich will die Natur erleben, schwitzen und in die Landschaft blicken. Wie Ralph es auf der Website beschrieben hat, verspricht die Route die schönsten Ecken in der Gegend. Das zu glauben fällt nicht schwer. Schon jetzt ist es wundervoll, den Blick schweifen zu lassen. Der Spätsommer präsentiert mir die Alpen von ihrer schönsten Seite. 

Nach (gefühlten) zwei Stunden steht Ralph auf der Strecke und macht Bilder. Als ich ihm eröffne, dass ich  mir die Seniorenvariante offen halte, gibt er mir noch Tipps zum Abkürzen. Mal schauen wie es läuft. Wie heißt es unter Schwingern?  Alles kann, nichts muss.

Laut Höhenprofil warten auf der gesamten Strecke drei längere Anstiege. Der erste zum Eibsee am Massiv der Zugspitze entlang. Der zweite führt hinter Ehrwald die Ehrwalder Alm hinauf.

Der größte Anstieg erwartet mich auf der Auffahrt zum Karwendelhaus. Mal sehen, ob es so weit kommt. Immerhin ist für den Nachmittag Gewitter angesagt. Ich werde mich zu nichts zwingen, falls es zu unangenehm werden sollte. Ich habe Wochenende und einen Zug nach Hause oder eine spontane Hotelübernachtung finde ich zur Not auch kurzfristig.

Schon als es zum Eibsee rauf geht, überdenke ich gründlich meine Tagesziele. Mensch ist das anstrengend! Viel mehr von diesen Höhenmetern werde ich nicht verkraften, denke ich mir und ahne zugleich, dass auch im Fall einer Abkürzung sehr wohl noch jede Menge hiervon vor mir liegt.

Irgendwann treffe ich drei weitere Fahrer der Schottergaudi. Drei befreundete Jungs. Daniel, Michael und Philipp. Dass ich überhaupt noch Gleichgesinnte auf der Strecke treffen würde, hätte ich mittlerweile nicht mehr gedacht. Zu groß der Vorsprung. Zu viele Stopps meinerseits.

Die Jungs fahren wie ich auch vergleichsweise eher auf die langsame Tour. Sie sind mit unterschiedlich ausgerichteten Rädern unterwegs und haben vereinbart, zusammen zu fahren und aufeinander zu warten. Das kommt mir entgegen. Ich habe es auch nicht eilig. Also bleibe ich bei dieser Gruppe.

Gemeinsames Leiden und gemeinsames Genießen. Gemeinsame Pläne zum Mittagessen. Krass wie schön, da unten der Eibsee durch die Baumkronen zu sehen ist. Was für eine herrliche Anstrengung. 

Nach dem ersten großen “Buckel”  lassen wir die Hochthörlehütte links liegen. Auch wenn der Kuchen gut sein soll. Doch hier wartet die Abfahrt  nach Ehrwald auf uns. Freie Fahrt auf Asphalt und faule Bremsen. Da komme ich auf knackige 65 km/h. Ich bin wieder wach. 

Ohne Mittagessen im Magen können wir uns eine weitere Kletterpartie nicht vorstellen. Eine einstimmige Abstimmung ergibt einen Shortcut per Gondelfahrt. In solchen Fragen bin ich durch und durch Demokrat und so zahle ich mit Freude die besten 14 Euro, die ich heute ausgegeben habe. 400 Höhenmeter geschenkt. Was für eine Erleichterung. Oben dann Einkehr in der Touristenhütte. Kohlenhydrate und Sonnencreme. Das Gewitter lässt noch auf sich warten. Die Sonne knallt nicht schlecht. 

Die ganze Zeit bin ich hin und her gerissen. Soll ich das Ding eventuell doch fertig fahren? Besonders mit Kässpätzle im Bauch sieht die Welt schon wieder anders aus. In der Gruppe bin ich immerhin viel weniger allein mit meinen Zweifeln. 

Gerade bei der traumhaften Abfahrt nach Mittenwald denke ich an die viel gelobte Abfahrt, die nach dem Karwendelhaus auf mich warten würde. Und wunderschön soll es da oben ja sowieso sein.

Auf dem Rad und im Leben: Es ist immer dasselbe.  Anstatt einfach zu fahren, zerdenke ich meine Optionen. Habe ich noch genügend Kraft? Sollte ich nicht mal auf die Bremse drücken? Wie buchstabiert man das Wort Hotelbademantel? Kann Anstrengung nicht auch Erholung sein oder übernehme ich mich mal wieder? Was verpasse ich hinter der nächsten Kurve?

Bis zur letzten Minute bin ich zaghaft. Irgendwann, als ich die entscheidende Abzweigung nach Mittenwald verpasse, lasse ich mein Vorderrad wohl die Entscheidung abnehmen. Nix da abkürzen. Versuchen wir es.

Also nehmen wir die 900 Höhenmeter die vor uns liegen, gemeinsam in Angriff. Vier Stunden wird es dauern. Gefühlt. Wirklich auf die Uhr schaue ich gar nicht. 

Natürlich zieht es sich. Wie alter Kaugummi. 

Meine Schulter schmerzt vom Kameragurt, mein Kopf dröhnt vor Anstrengung und dünner Luft und mein Knie rebelliert auch schon seit heute Mittag. Die Zipperleins und Wehwehchen rücken Reihe für Reihe weiter nach vorne auf der Tribüne meiner Wahrnehmung. Weiter hinten sitzen die gigantischen Felswände links und rechts von uns. In der letzten Reihe versteckt sich mein Alltag. Ich bin weit weg und zugleich sowas von da.

Gegen das ewige Bergauf hilft nur Schieben und gegenseitige Motivation. “Wird ja überschaubar. “ ” Nur noch X Kilometer.” “Mach ma schon”. “ Viel ist nicht mehr, “ Da oben sieht man schon die Karwendelhütte.”

21 Uhr ist es, als wir endlich ankommen. Wäre ich alleine unterwegs geblieben, hätte ich es nicht durchgezogen. Das steht fest. Ich freue mich, die drei Jungs getroffen zu haben. Was so ein bisschen Gesellschaft und gute Laune ausmachen kann. Schon toll.

Selten hat sich das Ankommen so gut angefühlt.  Die letzte Portion Spaghetti soll meine sein. Dazu gibt es Kräutertee für meinen Hals. Würde ich jetzt ein Bier trinken, wäre ich augenblicklich hinüber und würde womöglich das Matratzenlager nicht mehr lebend erreichen. 

Ich habe es doch geschafft! Nicht wenig Stolz bin ich auf die 120 km und die 2800 Hm. Immer wieder erstaunlich, was in diesem Körper dann doch für Reserven schlummern.  Mein Knie wird sich bis morgen hoffentlich auch wieder beruhigen.

22:00 Uhr. Licht aus.

Am nächsten Morgen…

…Wache ich in einem leeren Matratzenlager auf. Wo sind nur die 10  Wanderer hin? Am Frühstück. Wo ich auch hin gehöre . Der Kaffe ist so stark wie er sein soll.  Das Müsli schmeckt  herrlich. Ich könnte vier davon verdrücken. 

Auch sonst herrscht auf der Hütte eine gute Stimmung. Ich war schon auf DAV Hütten ähnlicher Größe, auf denen es irgendwie nicht so entspannt zuging. Scheinbar haben hier alle gute Laune. Es muss an den Bergen liegen. 

Berge machen einen fertig, aber sie  machen auch sehr froh.

Die Habseligkeiten verschnürt und Wasser aufgefüllt. Jacke an. Noch ist es kühl hier oben. Gleich zum Start des Tages geht es durch den kleinen Ahornboden. Ich denke zurück an die vermutlich schönste Abfahrt, die ich seit vielen Jahren hatte.

Mein Rad kommt ohne Probleme über den losen Schotter und immer wieder muss ich mich daran erinnern, meinen Blick nach oben zu richten.
Die gigantischen Wände lassen meine Laune steigen, während wir die Waldautobahn herunter rauschen.

Trotz Tiefen meines fantastischen Schlafs letzte Nacht merke ich eine tiefsitzende Erschöpfung. Das Ding  will ich dann doch mal fertig fahren. Also trenne ich mich von meinen Begleitern. Das häufige Warten bremst mich zu sehr aus. Ich will in meinem Rhythmus weiterfahren und möglichst schnell einen zweiten Kaffee oder acht trinken und außerdem dringend auch etwas zu Essen finden, was nicht eingeschweißt ist. Wie so oft kann ich keine Riegel mehr sehen und schmecken.

Die köpferlichen Zipperleins machen sich wieder bemerkbar. 

Meine Schulter ist ein einziger Muskelknoten. Mein linkes Knie jammert sobald es nicht mehr bergab geht. Meine Augen bekomme ich kaum richtig auf. Sie haben vermutlich zu viel Sonne abbekommen gestern.

Ich nehme meine Kräfte zusammen und drücke durch. Ich finde irgendwie keinen Kaffee. Also geht es ohne weiter. Muss ja.

Natürlich treff ich die Jungs wieder. So schnell kann ich auch mit dreißig Müslischalen im Magen  nicht fahren, um die abzuhängen.

Grund zur Eile gibt es sowieso nicht.

All die Flussdurchquerungen, die malerischen Pfade, die geschmeidigen Abfahrten wollen schließlich auch ein bisschen genossen und nicht nur hinter einem gelassen werden. Alles in allem ist es wirklich ganz toll und auch wenn ich einerseits nicht mehr kann, genieße ich jeden Meter.

In Eschenlohe wäre es möglich, Kaffee und ein zweites Frühstück aufzutreiben. Allerdings sind es nur noch wenige Kilometer im Flachen und auf Kontakt mit geschäftigen Rentnerinnen und Rentnern in Wanderkleidung  habe ich dann doch keine Lust. Dann lege ich mich eben noch ein allerletztes letztes Mal ins Zeug. Wie so oft  an diesem Wochenende.

Und es lohnt sich. Ralph und seine Frau empfangen die eintrudelnden Fahrerinnen und Fahrer mit einem üppigen Buffet, Kaffee und guter Stimmung.

Erleichterung macht sich breit. Und Stolz. Was für ein zähes Biest, denke ich mir und komme aus dem Grinsen nicht mehr raus.

Angesichts meines nicht vorhandenen Trainingszustandes ist die Schottergaudi nüchtern betrachtet eine Nummer zu groß für mich gewesen. Etwas weniger Höhe hätte es wohl auch getan. Weniger unnötiger Ballast in der Satteltasche wohl auch. Umso glücklicher fahre ich nach Hause mit dem Wissen es doch geschafft zu haben. Ein Wissen, das mich durch seine einhergehende Euphorie auch durch die nächsten Tage tragen wird. 

Am Ende bleibt die Dankbarkeit.

Darüber die Freiheit zu haben, sich an einem Mittwoch spontan für eine Ausfahrt am Wochenende anmelden zu können. Ohne Weiteres. Das ist ein Privileg.

Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die solch tolle Ereignisse auf die Beine stellen. 

Dank geht an erster Stelle natürlich Ralph, an seine Frau, an Peter von der Velo Welt, (Ein Radladen, der für mich die Blaupause eines perfekten Rad-Geschäftes ist) und an meine Leidensgenossen Daniel, Michael und Philipp. Es war schön mit euch.

Am Montag geht es von Hamburg nach München. Ich hab Bock.

5 Gedanken zu „Geht ja doch – Schottergaudi 2022

  1. Sehr schöner Bericht!! Man kann sich so richtig einfühlen und habe einige der Gefühle wieder erkannt von meinen beiden Teilnahmen … Ist ein hartes Ding … aber klasse, möchte auch wieder … nächstes Jahr, dieses Jahr wäre ich nach der GBDuro nie und nimmer in der Verfassung gewesen (obwohl ich eigentlich wollte).
    Wenn dich meine Berichte interessieren … siehe hier: https://www.lumacagabi.com/
    (Schottergaudi 2019 und 2020)
    Das mit Pech mit dem Navi kenne ich auch zur Genüge … hahhaaaa
    https://www.lumacagabi.com/wetterstein-karwendel-brevet-gehirnjogging-pur-oder/

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